Transkripte

Podcast-3- Sucht: Wenn du, Gamer, es merkst, steckst du tiefer drin als du es geglaubt hast.


Laure Mortelier: Heute beim Podcast von Motiviert Lernen und Leben treffe ich mich wieder mit Eric Pieber, einem leidenschaftlichen Computerspieler, der aus der Sicht der Gamer und Gamerinnen seine Eindrücke und Erfahrungen teilt und dafür bedanke ich mich. Hallo Eric!

Eric Pieber: Hallo! 

Heute geht es um ein Thema, das vielen Eltern Sorgen bereitet: Computerspiel-Abhängigkeit und Suchtverhalten. In der fünften Version des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders kurz DSM-5, also im diagnostischen statistischen Leitfaden psychischer Störungen der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft (kurz APA) wird nicht von Sucht gesprochen sondern von “Internet Gaming Disorder”, also von einer Störung. Das heißt, es geht um die bedenkliche Nutzung von Computerspielen sowohl online als auch offline. Diese Diagnose ist neu hinzugefügt worden, da viele Kinder und Jugendliche sowie Erwachsene von diesem Problem betroffen sind. Die Diagnose ist allerdings schwierig zu stellen.  Lieber Eric, wie kommt es, dass Kinder und Jugendliche, aus deiner Perspektive, so schwer von einem Computer- und Handyspiel wegkommen?

Naja, dafür kann es eine Menge von Gründen geben. Oftmals sind Spiele sehr gut designed und geben anfangs schnell Belohnungen, womit ein Spieler geködert wird. Im späteren Spielverlauf werden diese Belohnungen immer schwieriger zu erreichen, oder es wird erwartet, dass mehr Zeit investiert wird, um diese zu erreichen. Prinzipiell ist dies ja keine schlechte Methode. Auch im Alltag wird versucht solche Methoden anzuwenden, um beispielsweise das Lernen zu vereinfachen, wie bereits im vorherigen Podcast besprochen. Hinzu kommt das fehlende Bewusstsein für wichtige Abgaben, Hausübungen und sonstige relevantere Themen. Es ist einfach wesentlich belohnender ein Computerspiel zu spielen, als gewisse dringlichere Aufgaben zu erledigen. Denn selbst, wenn es teilweise viel Zeit benötigt, bestimmte In-Game Belohnungen zu erhalten, ist der Weg dorthin dennoch in den meisten Fällen lustiger für die Kinder und Jugendliche, als die wirklich relevanten ToDo’s zu erledigen. 

Ja, in der meisten Literatur zum Thema ist die Zeitkomponente ein Kriterium, warum Personen abhängig werden. Die Spiele sollen Geld für die Entwickler bringen. Die Kunden und Kundinnen sollen gebunden werden und dann treu bleiben. Um dies zu erreichen, konzipieren sie Spiele, bei denen man mehrere Monate braucht, um gewisse Ziele zu erreichen oder an besondere, wertvolle, lukrative bzw. seltene Belohnungen zu kommen. 

Ganz genau, in Bezug auf das Geld kann man auch kurz das PayToWin-Prinzip erläutern. Es gibt (besonders auf dem Handyspiel-Markt) viele Spiele, die dieses Konzept implementiert haben. Dabei geht es darum, dass durch das Zahlen von realem Geld, Gegenstände, In-Game Währung und sonstige Elemente gekauft werden können. Oft gibt es dazu die Alternative, wenn kein Echtgeld gezahlt werden soll, einfach eine Werbung anzuschauen und dafür kleinere Belohnungen zu erhalten. Für die Spielentwickler ist das  optimal, denn so oder so bekommen sie durch jeden Spieler eine gewisse Summe. Denn sie bekommen auch pro geschaltete Werbung Geld. Der Reiz, echtes Geld zu investieren, ist klar. Anfangs kosten diese Pakete nicht viel und werden meist teurer je beliebter das Spiel wird. Zusätzlich kann man sich dadurch schnell einen Vorteil gegenüber anderen Spielern erkaufen (PayToWin). Allerdings gibt es auch Spiele, in denen solche Käufe keinen Vorteil im Spiel selbst bezwecken, sondern nur ästhetischer Natur sind. Der Spieler soll für die Unterstützung des Spieleherstellers einfach eine Belohnung bekommen, die seinen Charakter allerdings nicht verbessert. Beispiele hierfür wären:

  • Jump & Run Spiele 

  • die meisten Multiplayer Online Battle Arena Spiele kurz MOBA’s 


Genau, das ist eine negative natürliche Konsequenz, welche die digitalen Spiele haben können. Da ist es natürlich sehr wichtig mit den jungen Nutzern und Nutzerinnen zu klären, wie viel Geld sie in diese Freizeit investieren können oder dürfen! Einige Schüler und Schülerinnen entwickeln dann allerdings einen Stolz, ganz ohne solche Hilfe auszukommen. Dann ist man nämlich besonders gut, weil nur die Fähigkeiten zu einem hohen Level führen. Oder man hat eben viel Zeit investiert… Wie Jan van Loh in seinem Werk “Digitale Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Komplexe Krisen und Störungen” erwähnt, spielt die Erfahrung eine wesentliche Rolle beim Computerspielen. Je erfahrener ich werde, desto weniger Zeit brauche ich, um gewisse Routinen zu absolvieren. Man braucht aber viele Wiederholungen dazu, also investiert man viel Zeit, besonders am Anfang.  Wie siehst du das?
Es muss einem auch bewusst sein, dass nur das reine Investieren von Zeit, einen nicht automatisch zu einen Top-Spieler macht. Es kommt immer darauf an, ob einem diese Art des Spiels liegt, wie man die Zeit nutzt und aus seinen Fehlern lernt sowie sich Tricks von anderen abschaut. Aber es stimmt, wenn man einen bestimmten Spieltyp beginnt, in dem man noch keine Erfahrungen gesammelt hat, muss man besonders viel Zeit investieren. Und damit meine ich nicht zwingenderweise im Spiel! Meine Erfahrung hat gezeigt, dass Spieler und Spielerinnen dann häufig auch viel Zeit in Foren oder Videos stecken, um den Zeitfaktor im Spiel zu verkürzen. Dadurch ist man eventuell zwar der Meinung, dass man nicht so viel gespielt hat, jedoch wurde diese Zeit trotzdem für das Spiel verwendet. Somit stimme ich dieser Aussage voll und ganz zu. 

Einige Spiele sind sehr kurz wie Brawl Stars, Clash Royal oder andere, wo man jederzeit ohne Nachteile aussteigen kann wie Candy Crush, Homescapes, Angry Birds und viele mehr. Man kann selbst entscheiden, wann man eine Pause einlegen will oder einfach das Spiel beendet. Allerdings gibt es Spiele, wo man die begonnenen Aufgaben, nicht einfach so abbrechen kann, ja nicht einmal kurz pausieren darf oder soll. Wie lange dauern im Durchschnitt solche Spieldurchgänge und welches Spielgenre ist von besonders langen Spielzeiten betroffen?

Naja, im Grund genommen ist es ja in jedem Spiel möglich einfach auszusteigen, allerdings gibt es welche, wie du bereits richtig gesagt hast, in denen es Konsequenzen geben kann. In Guild Wars oder WoW gibt es Dungeons, Instanzen und Raids, die einige Stunden dauern können. Dazu kommt, dass es häufig zusätzlich einer Vorbereitungszeit bedarf, um diese Zeiten tatsächlich einhalten zu können und in möglichst kurzer Zeit die Aufgaben zu erfüllen. Wenn man hier mittendrin aussteigt, kann es sein, dass das restliche Team wesentlich länger braucht und einen eventuell nicht mehr gerne mitnimmt, wenn so etwas häufiger vorkommt. In einigen Teams werden in diese Zeiten aber auch kleinere Spielpausen mitberechnet, damit es möglichst angenehm für alle Teilnehmenden ist. Dennoch ist es meistens nicht gut gesehen, wenn man sagt: “Ich habe keine Lust mehr, ich bin raus”.
Bei normalen Aufgaben, meistens als Quest bezeichnet, die nicht zwingenderweise eine Gruppe voraussetzen, kann man sehr wohl auch später weitermachen und dazwischen eine Pause einlegen. Es gibt allerdings auch Spiele, in welchen das Spiel nicht beendet ist, nur weil man offline ist. Gute Beispiele hierfür sind Clash of Clans - am Handy- , das bereits ältere O-Game, welches ein Browser Spiel ist, oder auch ARK: Survival Evolved, welches am PC gespielt wird. 

Ja, das macht es besonders schwierig, mental auch auszusteigen. Man ist zwar nicht wirklich am Spielen aber die Gedanken kreisen dann um das Spiel. Meistens sind jüngere Spieler und Spielerinnen davon betroffen, sodass sie regelrecht Angst haben, um ihre Siedlungen, Flotten, Armeen beziehungsweise alles, was sie mit viel Mühe erreicht haben! Das sehen die Eltern, die nicht selber die Erfahrung gemacht haben, nämlich nicht! Manchmal vergessen Erziehungsberechtigte, wenn sie selbst diese Spiele spielen, dass die Spiele auf Kinder eine ganz andere Wirkung haben können, in dem Fall Nebenwirkungen, die man nicht direkt mit dem Spiel in Verbindung bringt, z. B.   Konzentrationsprobleme bei Hausaufgaben und schwächere Lernleistungen in der Schule. Das Gemeine daran ist, dass das Kind selbst nicht zwingend merkt, dass dieses Phänomen die Ursache seiner Störung ist. Solche Fälle kommen in meiner Tätigkeit als Coach immer wieder vor. Lieber Eric, wenn ich das Wort “Flow” sage, was fällt dir dazu ein?

Für mich ist “Flow” ein Zustand in dem ich besonders effektiv und effizient bin. Sei es beim Lernen, bei der Arbeit oder auch im Spiel.  Flow ist auch eine Art der Freude an der Tätigkeit. Man kann nicht einfach so aufhören. Dieser Zustand ist teilweise allerdings schwer zu erreichen, wenn es zu viele Ablenkungen um einen herumgibt. 

Genau, aber im Spiel ist das Phänomen “Flow” leichter zu erreichen. Csikzentmihalyi, der Schöpfer des Begriffes und seiner Definition, beschreibt den Zustand so, dass man sich bei der Tätigkeit selbst vergisst, das Zeitgefühl schwindet, man geht in der Aufgabe auf. Daher ist es auch da schwierig ein Spiel zu beenden, wenn ich im Flow bin und daher können die Kinder  von selbst ohne externe Hilfe nicht aufhören, weil sie kein Zeitgefühl mehr haben. Fünf Minuten werden zu Stunden. Kennst du das auch?

Ja, wie schon zuvor erwähnt, kenne ich diesen Zustand aus einigen Situationen. 
Früher erlebte ich ihn häufiger in Spielen, heutzutage passiert mir der Flow-Zustand auch immer öfter bei anderen Aufgaben. Man möchte nur noch ‘schnell’ etwas erledigen. Und plötzlich dauert dieses ‘Schnell’ einige Stunden. 

Ja, bei der Arbeit ist dieser Zustand erwünscht! Manchmal kann das aber auch zu negativen Konsequenzen führen, wie Burnout z. B., aber das ist ein anderes Thema. Gehen wir gemeinsam die Merkmale der Computerspielsucht durch. Zuerst möchte ich mit dir den Begriff “Craving” anschauen.

Craving, kenne ich besonders aus meiner Jugendzeit, als es gewisse Situationen gab, bei denen ich mir gedacht habe: “Eigentlich würde ich ja gerade lieber etwas anderes machen.” Dann denkt man möglicherweise nur kurz an ein Lieblingsspiel und schon wünscht man sich, nur noch dieses Spiel zu spielen und kann seine Gedanken nicht mehr sinnvoll auf die eigentlich zu verrichtender Arbeit fokussieren. 

Genau, es geht um das starke Verlangen nach Computerspielen und dass man ständig an das Spiel denkt. Den zweiten Punkt haben wir schon zur Genüge beschrieben: Kontrollverlust. Also Dauer, Beginn und Beendigung des Spiels sind schwer einzuschätzen und zu kontrollieren. Dann kommt auch noch der ‘Entzug’.

Wie zuvor schon beschrieben, hatte auch ich bereits das Vergnügen mit Craving. Allerdings habe ich es nie soweit entgleisen lassen, als dass ich Probleme gehabt hätte mit Entzugserscheinungen. 
Das Spielen war auch schon damals besonders ein saisonaler Effekt. Im Winter habe ich meist sehr viel mit Schulfreunden und anderen gespielt. Zum Sommer hin ist diese Lust meist komplett verfallen. Das Spielen war und ist für mich in den meisten Fällen nur eine Substitution zu einem realen Treffen mit Freunden. 

Die Entzugserscheinungen sind die gleichen wie bei Stoffabhängigkeit: Nervosität, körperliche Unruhe, Schlafstörungen, Aggression, depressive Verstimmung, sobald die Person nicht spielen kann. Dazu kommt der nächste Punkt: Wie können Eltern darauf kommen, dass Ihre Kinder eine Toleranz in Bezug auf übermäßigen Computerkonsum entwickeln?

Also, auf einfachster Ebene ist diese Toleranz über die Dauer und Häufigkeit der Spielsitzungen zu erkennen. 

Die Vernachlässigung wichtiger Lebensbereiche haben wir teilweise im Craving angedeutet. Man vernachlässigt Arbeit, Schule, Leistung aber auch Sportaktivitäten, die früher Spaß machten. Besonders Freunde, welche man in der ‘realen’ Welt hat, werden plötzlich vernachlässigt. Dieser Punkt sollte die Eltern besonders alarmieren, wenn dies geschieht. Sind die virtuellen Freunde wirklich ein Ersatz für offline Bekanntschaften?

Das ist eine klassische Frage. In den meisten Fällen spielt man allerdings auch mit Freunden, die man bereits kennt. Natürlich ergibt sich besonders durch das Online-Gaming die Möglichkeit, neue ‘virtuelle’ Freunde kennenzulernen. Hier entstehen oft Freundschaften. Nur weil man einer Person noch nicht Face-to-Face begegnet ist, heißt es noch lange nicht, dass es keine Freundschaft sein kann. Besonders im Zeitalter der Video-Telefonie und der sozialen Medien. Einige solche Freundschaften halten sehr lange an und sobald sich eine Gelegenheit bietet, versuchen solche Freunde sich auch mal im echten Leben zu treffen. Gaming-Messen sind hierfür ein beliebter erster Treffpunkt. 

Die zwei Welten haben also immer wieder Berührungspunkte! Gut zu wissen. Zum Schluss kommt nun das Anhalten des Verhaltens trotz negativer Konsequenzen. Wenn trotz negativer Auswirkungen wie schulischem oder beruflichem Leistungsabfall, Müdigkeit und Verlust von Freunden der Betroffene nicht einsichtig wird, spätestens dann ist eine Suchtberatung z. B. vom Verein “Dialog” oder ein Coach fällig. Die Eltern werden es nicht mehr alleine schaffen. Man braucht als Familie Stärkung und Rückendeckung. Die Sucht kommt nicht nur vom Spiel an sich, sondern zwei weitere Faktoren werden in diesem Zusammenhang immer wieder erwähnt: Die persönlichen Charaktereigenschaften und das Umfeld. Was bringt ein Kind dazu, in ein Spiel zu fliehen?
Dafür kann es unzählige Faktoren geben. Ich denke allerdings das besonders häufig Streit, Niederlagen, Mobbing und andere negative Erfahrungen aus dem echten Leben einen dazu bringen, in eine Welt zu fliehen, in der man möglicherweise jemand ist oder von den Problemen der realen Welt abgelenkt wird. Wenn man gerade in einer instabilen persönlichen Lage ist, kann eine solche Welt als sichere Zuflucht gesehen werden. Charaktereigenschaften spielen hier definitiv eine wichtige Rolle. Allerdings sind diese nicht immer mit freiem Auge erkennbar und besitzen teilweise viel tiefere Wurzeln. Sucht kann selbst dann entstehen, wenn keine negativen Effekte erkennbar sind. Wie auch schon im vorherigen Podcast angesprochen, können solche Zufluchten auch gut sein, um als Ventil zu agieren und eventuell schlimmere Konflikte zu vermeiden. Hier sind Computerspiele schon des Öfteren als “böse” Zufluchten angeprangert worden. Allerdings gibt es wiederum andere junge Menschen, die sich dann total in Bücher oder anderen Tätigkeiten vertiefen und sich so eine komplett fiktionale Welt aufbauen. Mir ist klar, dass Bücher seltener Probleme hervorrufen. Jedoch kommt es auch ganz darauf an, in welches Genre man sich vertieft. Horrorgeschichten oder ähnliche Genres können genauso langfristige Schäden in jungen Psychen hinterlassen. Genauso ist die Wahl des Spieles besonders wichtig. Wenn bereits bekannt ist, dass man auch ohne Spielen gewalttätige Tendenzen hat, ist ein Shooter definitiv nicht das richtige Ventil. Die Regel, die überall zu beachten ist: “Die Dosis macht das Gift.”. Und zusätzlich gibt es verschiedene Arten von “Giften”, die unterschiedlich auf verschiedene Organismen wirken. Jede Generation hatte seine Wege und Mittel, um der Realität zu entkommen. Alles kann in ein Extrem gezogen werden. Heutzutage sind es nun mal immer häufiger Computerspiele. 

Ich komme auf die Charaktereigenschaften zurück. Von der Forschung werden individuelle Eigenschaften beschrieben, die eine Computerspielstörung begünstigen zum Beispiel: Angst, ADHS, Autismus, ein geringes Selbstwertgefühl und Depression. Das Spiel ist dann nur die Spitze des Eisbergs, der Versuch, über eine Art Selbstmedikation die grundlegende Störung zu heilen. Dabei stürzt man in noch größere Probleme! Daher stimme ich dir zu, es ist wichtig nachzuschauen, welche Bedürfnisse das übertriebene Computerspielen deckt. Du hast auch Recht zu betonen, das Computerspielen einfach eine neue, moderne Form der Sucht darstellt. 

In Südkorea, wo intensiv digitale Spiele gespielt werden, wo der E-Sport andere Maßstäbe erreicht, wird das Computerspielen und die Internetabhängigkeit als Challenge für das Gesundheitswesen gesehen. Nicht nur Sucht, sondern Krankheiten wie Depression, Übergewicht oder Diabetes  können durch übertriebenes Computerspielen häufiger vorkommen. E-Sport als solches kann und wird heutzutage immer mehr als ein Sport akzeptiert. Nur bleibt es mehrheitlich ein kognitiver Sport, in welchem nicht viel Bewegung gemacht wird. Große Gaming-Häuser, in welchen E-Sportler häufig gemeinsam leben, bemühen sich daher inzwischen vermehrt, Sport als Pause und zur Erholung der körperlichen, sowie kognitiven Leistungsfähigkeit zu nutzen. 

Mein Fazit ist also, dass Computersucht wie alle anderen Süchte auch, ein Versuch darstellt, unerfüllte Bedürfnisse zu befriedigen. Hier sind es Bedürfnisse, die im realen Leben nicht erfüllt sind, sehr wohl aber in der virtuellen Spielwelt. Sie ist eine moderne und neue Möglichkeit, sich selbst bei Broken-Haus-Familien, Mobbing, Leistungsdruck, ungelösten oder unausgesprochenen Konflikte oder ganz einfach Langeweile zu helfen. Man sucht durch das Spielen meistens Anerkennung und Ruhm. Man hat Lust etwas zu leisten und dafür belohnt zu werden. Man fühlt sich verbunden mit anderen, welche die gleichen Werte teilen. Es ist also ein Glücksgefühl, in einem Team akzeptiert und respektiert zu sein. Einfach dazuzugehören in der Community. Mein Rat für die Eltern: Achten Sie auf die Merkmale des Suchtverhaltens, die wir genannt haben. Intervenieren Sie lieber zu früh als zu spät. Fühlen Sie sich nicht schuldig, wenn der Konsum entgleist, sondern suchen Sie rasch Hilfe. Ich bedanke mich bei dir für den interessanten Austausch und verabschiede mich an dieser Stelle. Tschüss.
Auch ein Danke meinerseits! Tschüss.

Links:
https://www.dialog-on.at

Quellen:

Eichenberg, Christiane & Auersperg, Felicitas. (2018). Chancen und Risiken digitaler Medien für Kinder und Jugendliche. Ein Ratgeber für Eltern und Pädagogen. Göttingen: Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG.

Hüther; Gerald & Quarch Christoph. (2018).
Rettet das Spiel! Weil Leben mehr als Funktionieren ist. München: Carl Hanser Verlag.

Spitzer, Manfred. (2015). Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft. 9. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG

Spitzer, Manfred. (2012).
Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. München: Droemer Verlag.

Van Loh, Jan. (2018).
Digitale Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Komplexe Kristen und Störungen. Stuttgart: Klett-Cotta Verlag.

Zimmermann, Pia (2016). Generations Smartphone, wie die Digitalisierung das Leben von Kindern und Jugendlichen verändert. Was wir wissen sollten und was wir tun können. Munderfing: Verlag Fischer & Gann.

Podcast 2 - “Shooter: Die Freude des Killers, oder doch nur ein Spiel?”

Laure Mortelier: Heute treffe ich mich beim Podcast von Motiviert Lernen und Leben wieder mit Eric Pieber, ein leidenschaftlichen Computerspieler, der aus der Sicht der Gamer/innen seine Eindrücke und Erfahrungen teilt und dafür bedanke ich mich. Hallo Eric!

Eric Pieber: Hallo! 

Heute geht es um ein heikles Thema: Shooter-Spiele! Sind sie toxisch für die Entwicklung von Jugendlichen, sind sie einfach nur Spiele wie andere, ohne besonderen Einfluss auf die Gamer/innen? Zuerst einmal ist es aber sicher notwendig zu klären, was Shooter-Computerspiele eigentlich sind. Denn wie Pia Zimmermann in ihrem Buch “Generation Smartphone” richtigstellt: Nicht alles, wo Panzern gibt oder wo Spielende herumballern und schießen hat mit Shooter-Spielen zu tun, oder?

Also prinzipiell versteht man unter Shootern besonders FPS und TPS Spiele. 
FPS steht hierbei für First Person Shooter und TPS für Third Person Shooter. 
FPS kommt somit dem im Deutschen bekannten Wort Ego-Shooter gleich. In FPS sieht man meist nicht den vollständigen Charakter, sondern nur dessen Arme, Hände und eventuell Beine.
TPS hingegen sind Spiele in denen man den gespielten Charakter aus der Sicht einer ‘dritten’ Person wahrnimmt. Die Kameraführung ist hinter dem Spieler situiert und man sieht den eigenen Charakter. 

Ein klassisches Beispiel für ein FPS, welches schon lange auf dem Markt ist, ist Counter Strike. Auch Call of Duty ist ein sehr bekanntes Spiel in der Kategorie der FPS. Ein erst kürzlich erschienenes Beispiel wäre Valorant. 

Zu TPS Spielen gehören beispielsweise GTA (hier kann man teilweise zwischen FPS und TPS wählen), Fortnite, Star Wars Battlefront, und so weiter… Es ist ebenfalls richtig, dass nicht alle Panzer- oder Baller-Spiele gleich in Form eines Shooters existieren. Es gibt Spiele in welchen das reine Positionieren von Truppen oder sonstigen Einheiten eher in Form eines digitalen Brettspiels existieren. So eine Art digitales ‘Risiko’. Wenn man ganz präzise sein möchte, könnte man behaupten, dass man in Clash Royal auch andere Einheiten tötet. Allerdings sind die Spieleinheiten so stark abstrakt von der realen Welt, dass es kaum ein Risiko darstellt. Allerdings können auch solche Spiele sehr frustrierend sein und Aggressionen auslösen. Auch hier spielt das Alter eine besondere Rolle. 

Was macht ein Shooter-Spiel – deiner Meinung nach – attraktiv?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Bei jüngeren Kindern würde ich vermuten, dass ein häufiger Grund, das Spielverhalten von älteren Geschwistern und Eltern ist.

Du meinst sie fühlen sich “cool”, wenn sie Zugang zu diesen Spielen haben. Man will ja auch angeben und sich nicht von anderen coolen Peers blamieren.

Das ist plausibel. Man versucht als Kind oftmals Filme zu sehen und Spiele zu spielen, die eigentlich nicht für das eigene Alter passend sind. Sei es aus Eifersucht, weil man auch zu den ‘Großen’ gehören will oder einfach nur zum Angeben. Wenn man schon etwas älter ist, wird es häufig von Personen gespielt, die gerne taktische Teamspiele spielen und durch Kooperation Ziele erreichen wollen. Mit diesem Interesse steht oft das Töten anderer Spieler nicht mehr im Vordergrund, sondern tatsächlich nur das Erfüllen von gewissen Zielen, um ein Spiel zu gewinnen. 

Eichenberg und Auersperg meinen, ein positiver Aspekt von Shootern ist das Abreagieren. Man kann die über den Tag angestaute Frustration abbauen. Es verhindert vielleicht Streitigkeiten und verletzende Worte, ja sogar vielleicht reelle Aggression im ‘realen’ Leben.

 Ja, es gibt sicher viele Personen, die diese Spiele als eine Art Ventil nutzen, um überschüssige Aggressionen online abzubauen. Das hat so seine Vor- und Nachteile. Ein solcher Spieler kann gegebenenfalls relativ toxisch sein und die Moral eines sonst sehr harmonischen Teams herunterziehen, da er nur ein Ziel hat: Frust abbauen. 
Andererseits kann es eben auch gut sein, dass dieser Frust in einer rein virtuellen Welt abgebaut wird und somit mögliche reale Konflikte verhindert werden. Dies soll allerdings trotzdem kein Grund sein, andere Personen verbal anzugreifen oder das Spiel mutwillig zu sabotieren. 
 
Nun, es wird in der Forschungswelt noch gestritten, ob die Gewaltbereitschaft des Individuums oder die der Gesellschaft die Lust an solche Spiele fördert. Was sind deine Erfahrungen?

Bestimmt spielt so ein Faktor ebenfalls eine große Rolle in der Spielauswahl. Allerdings habe ich selbst auch schon erlebt, dass Personen in weitaus harmloseren Spielen extrem aggressiv werden. 
Ich persönlich bin kein Fan von Gewalt an Menschen. Besonders nicht unter Einsatz von Waffen, welche eigentlich nur zu einem Zweck erfunden wurden: töten. 
In Österreich gibt es bis zum aktuellen Zeitpunkt noch die Wehrpflicht, welche junge männliche Erwachsene vor die Entscheidung stellt, entweder 6 Monate zum Heer oder 9 Monate Zivildienst. Ich habe mich persönlich damals für das Bundesheer entschieden. In diesen 6 Monaten wird man zwar als Grundwehrdiener zum Soldaten ausgebildet. Allerdings herrschen dort sehr strikte Regeln in Bezug auf den Umgang mit Waffen und den Umgangston gegenüber Kameraden und Vorgesetzten. In dieser Zeit ist es dementsprechend auch notwendig – unter der Voraussetzung, dass man eine ausreichende Tauglichkeit hat –, dass man Waffen nutzt und auf Zielscheiben schießt. Wenn man einmal mit einer echten Waffe geschossen hat und gesehen hat, wie viel Schaden eine solche anrichten kann, denkt man – zumindest, wenn man etwas Selbstreflexion besitzt – besonders viel darüber nach. Man kommt ins Grübeln, ab wann man bereit wäre, tatsächlich eine solch drastische Maßnahme durchzuführen. 

Ich habe bereits davor und danach Shooter gespielt. Allerdings habe ich einen sehr starken Wandel in meiner Art des Spielens bemerkt. Davor fand man es vielleicht noch besonders lustig, auf den ‘Gegner’ zu schießen und mit Freunden darüber zu lachen, dass man diesen besiegt hat. Danach ging es mir prinzipiell mehr um die strategischen Elemente und das enge Kooperieren mit Freunden oder Teamkollegen. Hier lernt man besonders effiziente Kommunikation einzusetzen und rasch Entscheidungen zu treffen. Es bleibt auch zu bedenken, dass einige der realistischeren Shooter ursprünglich dazu gedacht waren, um Soldaten Taktiken zu vermitteln und auch die Hemmschwelle zu senken. 

Mein Zwischenfazit hier ist: Wenn man noch nicht die nötige Reife hat, um die virtuelle Shooter-Umgebung von der echten Welt zu trennen, kann es tatsächlich zu Störungen kommen. 
Zusätzlich bleibt zu sagen, dass es oft nicht der Shooter ist, der einen zum Killer oder Amok-Läufer macht, sondern häufig ist es eine schon vorhandene Störung in Kombination mit dem Spielen von gewalttätigen Spielen. Die klare Trennung und das Bewusstsein über diese Spiele sind das Wichtigste. 

Das Problem ist die Art und Weise wie unser Gehirn lernt. Wir lernen “am Modell”, wie Bandura Ende der 70er Jahre gezeigt hat. Das reine Beobachten von Gewalt reicht aus, das Verhalten zu verinnerlichen. Umso prägsamer ist es, wenn ich agiere und mitgestalte, wie es der Fall ist bei Computerspielen. Eine Studie von Staude-Müller 2011 zeigte, dass eher der unkontrollierte Konsum solcher Spiele die Steigerung der Aggression bei den Nutzern und Nutzerinnen bewirkte. Die Neurowissenschaftler begründen diesen Effekt durch die Plastizität des Gehirns und die Ausschüttung von Botenstoffen, die die Belohnungs- und Lernzentren aktivieren wie z. B. Dopamin. Viele Wiederholungen hinterlassen Lernspuren. Je mehr Wiederholungen und Motivation vorhanden sind desto tiefer die Erinnerungsspuren und zwar bei jeder Form von Lernen: sei es Vokabel lernen, Fahrrad fahren üben oder soziales Verhalten aneignen. Kinder und Jugendliche haben ein besonders formbares Gehirn. Daher lernen sie schneller als Erwachsene, das Positive aber auch das Negative! 

Besonders im jungen Alter achtet man auch nicht spezifisch darauf, was man aus den Spielen lernen kann, sondern spielt einfach nur dahin. Ist das Spiel zu blutig, gewalttätig oder in einer anderen Weise schockierend, kann das bei besonders jungen Spielenden auch psychische Auswirkungen haben. Wie zuvor erwähnt, stimme ich der Studie zu. Wenn diese Spiele in kontrollierten Mengen und mit den richtigen Hintergedanken gespielt werden, können diese als Ventil oder auch als Unterhaltungsfaktor gesehen werden.  
Ich kann nicht oft genug betonen, dass die Reife sowie die Fähigkeit der Trennung zwischen Spiel und Realität vorhanden sein müssen. Nicht nur Kommunikation ist etwas, das hier durch kurze und prägnante Ausdrucksweisen verbessert werden kann, sondern auch das Verständnis von 3D- Objekten und wie diese in der Umwelt gesehen werden oder sich bewegen. Viele dieser Spiele verwenden teilweise sehr realistische Physik-Engines und können somit auch etwas von Raumwahrnehmung, Winkeln und sonstigen Wahrnehmungen aufzeigen. 

Nicht nur die Taten, sondern auch die Sprache sollte man betrachten. Spitzer spricht vom Priming-Effekt, ein Einbahnungseffekt: Wenn man sehr oft aggressive Wörter hört oder benutzt, dann fallen einem diese auch besonders leicht wieder ein, man reagiert also sensibler darauf und man denkt aggressiver. So kann dann beispielsweise ein Jugendlicher plötzlich schlecht mit seinen Eltern reden, weil er sehr viel spielt.

Ich denke, dass es hier auch vom Charakter und dem Alter des Kindes abhängt. Bestimmt wirken sich regelmäßige Beschimpfungen negativ auf den Umgang mit unserem Vokabular aus. Aber auch hier betrifft das oft Kinder und Jugendliche, welche noch nicht verstanden haben, dass es einen Unterschied gibt, wie man sich im Spiel verhält und wie außerhalb. Auch wenn es meiner Meinung nach unnötig ist, Personen in einem Spiel zu beschimpfen. 

Wir alle haben im realen Leben “Räuber und Gendarm” oder “Cowboy und Indianer” gespielt. Und wir sind nicht zu Kriminellen geworden. Doch es ist ein Unterschied, ob meine “Pistole” ein Holzstück ist, oder wenn sie sehr realitätsnah dargestellt wird. Daher ist bei der Vergabe von USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) das Kriterium “realistisch” vorhanden. Denn je besser ich mich mit dem Avatar identifiziere, desto gefährlicher wird es. Die Kategorien sind 0-6-12-16 und 18 Jahre. Andere Leitkriterien sind das Vorhandensein von Drogen, Gewalt, Sexualität und Krieg. Auch das Auslösen von Angstgefühl und das Identifikationspotenzial werden kritisch untersucht. Für meinen Geschmack würde ich die USK-Altersangaben erhöhen, aber ich bin besonders zimperlich. Was meinst du? Fortnite ab 12 Jahren, ist das ok? 

Eventuell wäre eine weitere Unterteilung dieser Skala nützlich. Obwohl Fortnite zwar kein Blut und andere extrem schockierende Elemente enthält, ist zumindest der Battle Royal-Modus sehr kompetitiv. Wenn ein Kind unbedingt Erster sein will, allerdings das Geschick und das Wissen dazu nicht hat, wie in gewissen Situationen umgegangen werden muss, kann es sehr frustrierend sein. Ich habe fast das Gefühl, dass hier die Toxizität besonders auf Grund der hohen Kompetitivität entsteht und dadurch große Aggressionen aus der Frustration heraus entstehen können.
Eventuell wäre es sinnvoll für solche Spiele noch eine zusätzliche Altersstufe einzuführen wie zum Beispiel 14+.
Bei Fortnite muss zusätzlich gesagt werden, dass es ursprünglich ein Tower-Defense Spiel war in dem es darum ging seine Basis auszurüsten und gegen Zombies zu verteidigen. Erst später kam dann der 100 Spieler Battle Royal Modus, der gratis spielbar ist. Aus dem Basis-Spiel wurden beispielsweise die Bau-Elemente entnommen, die ein zusätzliches Geschick benötigen, um im Kampf gegen andere Spieler eine schnelle und effektive Verteidigung zu bauen und eventuell einen Vorteil zu erhalten. 
Allgemein kann in Fortnite sowie auch in PlayerUnknown's Battlegrounds – kurz auch oft PUBG genannt – auch ein Spiel gewonnen werden, ohne auch nur eine Kugel abzufeuern. Hierbei benötigt man aber besonders viel Spielwissen, Sinn für Taktik und Können. 

Ja, 14 Jahre, das entspricht dem, was der Spieleratgeber-NRW ebenfalls empfiehlt.
Wenn ein Jugendlicher oder eine Jugendliche aggressiv wird und auch ausgiebig Shooter-Spiele spielt, dann hilft, meiner Meinung nach, ein reines Verbot dieser Spiele nicht, um das Problem aus der Welt zu schaffen. Denn das Shooter-Spiel ist oft nur ein Katalysator und ein Symptomverstärker für die Probleme oder die Konflikte, die im Moment in der Familie oder in der Schule bzw.  bei der Arbeit oder mit den Peers nicht bewältigt sind oder schlimmer noch, nicht angesprochen werden. Es ist wichtig Hilfe, zu suchen und diese auch anzunehmen. Der Ärger wird nicht mit dem Aufhören des Spielens auf wundersame Weise verschwinden. Manchmal ist es nur die Spitze des Eisbergs. Man sollte die Sorgen der Jugendlichen ernst nehmen, aber auch klare Regel aufstellen

Das wiederspiegelt auch meine Meinung. Shooter sind nicht von sich aus böse, sie können Probleme verstärken, können allerdings auch einfach nur ein Spiel sein, welches unter Freunden und anderen Teamkollegen gespielt wird.

Dann vielen Dank für deine Meinung und das Teilen deiner Erfahrungen. Ich sage Tschüss.

Auch ein Danke meinerseits! Tschüss.

Quellen:
Eichenberg, Christiane & Auersperg, Felicitas. (2018) Chancen und Risiken digitaler Medien für Kinder und Jugendliche. Ein Ratgeber für Eltern und Pädagogen (1. Auflage). Göttingen: Hogrefe Verlag GmbH.

Hüther; Gerald & Quarch Christoph. (2018). Rettet das Spiel! Weil Leben mehr als Funktionieren ist. München: Carl Hanser Verlag.

Spitzer, Manfred. (2015) Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft. (9. Auflage). Stuttgart: Ernst Klett Verlag GmbH.

Zimmermann, Pia. (2016) Generation Smartphone. Wie die Digitalisierung das Leben von Kindern und Jugendlichen verändert. Was wir wissen sollten und was wir tun können. (2. Auflage). Munderfing: Verlag Fischer & Gann.
Links:
https://www.goethe.de/de/spr/mag/20426904.html
https://vocabicar.de
https://www.spieleratgeber-nrw.de


Podcast 01 - Computer- und Handyspiele - Transkript
“Spielen oder nicht Spielen- Das ist hier die Frage!”

Laure Mortelier: Spielen ist Teil unserer Entwicklung! Spielen macht Spaß und nicht nur Kinder spielen gerne. Gerald Hüther widmet  diesem Thema sogar ein ganzes Buch: „Rettet das Spiel!“  Ein provokanter Titel eigentlich. Warum das Spiel retten? Was gibt es da zu retten? Spielen wir zu wenig? Eigentlich nicht, es geht eher darum, dass die Tendenz steigt, dass wir nicht um das Spielenswillen spielen. Die Spiele erfüllen immer mehr versteckte Zwecke. Hüther meint, gewisse Computerspiele seien „verdorben“, da sie wirtschaftliche Interessen verfolgen. Es ist tatsächlich inzwischen ein großer Markt. E-Sport erfreut sich über immer mehr Beliebheit. Große Summen sind im “Spiel”. Also ist Spielen nicht gleich Spielen, könnte man so sagen. Viele Eltern machen sich Gedanken über digitale Spiele: am Computer, am Handy, auf einer Konsole. Wie lange? Wie oft? Wie gefährlich? Ab welchem Alter? Wie erkenne ich eine eventuelle Abhängigkeit. Wie gehe ich mit den modernen digitalen Spielentwicklungen um?
Daher will sich dieser Podcast von Motiviert Lernen und Leben der Welt der Computer- und Handyspiele widmen. Heute gehen wir auf die Frage ein: Welche Computerspielgenres gibt es überhaupt? Welche Fertigkeiten kann sich mein Kind aneignen oder beim Spielen fördern und: Welche Computerspiele sind „toxisch“ für die Entwicklung? Um dies alles zu besprechen habe ich einen Gast eingeladen. Lieber Eric, ich begrüße dich herzlich bei mir hier in der Praxis Motiviert Lernen und Leben. Eric Pieber ist ein leidenschaftlicher Gamer und daher in gewisser Weise ein Praxis-Experte auf dem Gebiet. Lieber Eric, magst du dich kurz vorstellen?

Eric Pieber: Ja. Beruflich bin ich ausgebildeter Wirtschaftsinformatiker. Wichtig zu beachten bleibt, dass ich zwar kein Profi-Spieler bin, aber ich teile diese Leidenschaft gerne mit einigen meiner Freunde. Aufgrund von diversen Trends habe ich im laufe der Zeit schon viele dieser Genres persönlich gespielt und damit einige gute sowie schlechte Erfahrungen gemacht. Gerne teile ich einige dieser Erfahrungen heute mit dir. 

Danke. Ich glaube, es ist auch wichtig nicht nur die Meinungen der Forscher und Forscherinnen zu erfahren, sondern auch die Seite der Nutzer und Nutzerinnen zu verstehen. Wie wir es schon erwähnt haben: Es gibt verschiedene Spielkategorien und jede Sparte birgt Chancen und Gefahren. Wie wäre es, wenn wir Kategorie für Kategorie durchgehen und schauen welche Chancen und Risiken bei den jeweiligen Spielen vorhanden sind? 

Sehr gerne, vielleicht könnten wir erstmal ein paar Begriffe erklären und dann im weiteren Verlauf tiefer darauf eingehen. 

Ok, was sind eigentlich RPG-Spiele? Was verbirgt sich hinter diesen Buchstaben?

RPG ist ein englisches Akronym und bedeutet Role-Playing-Games auf Deutsch Rollenspiel: Das sind diverseste Spiele, in welchen Spielende, in die Haut eines gewissen Charakters (häufiger als “Role” bezeichnet) schlüpfen und als diese die Geschichte (meistens als Story-Line bezeichnet) spielen. Heute bezeichnet diese Kategorie mehrheitlich Einzelspielende Kampagnen. Für online Spiele, in welchen der Spieler einen Charakter übernimmt, gibt es mittlerweile einen eigenen Begriff.   

Damit meinst du wahrscheinlich MMORPGs? Das ist schwierig auszusprechen! ;)

Ganz genau! So wie die meisten Begriffe, die wir heute besprechen werden, ist auch dieser ein englisches Akronym und bedeutet Massively-Multiplayer-Online-Role-Playing-Games. Wie bereits erwähnt, ist dies eine Kategorie von Onlinespielen, in welchen sich eine große Anzahl an Spielenden gleichzeitig auf Servern befindet und gemeinsam interagieren können. Sei es in Kooperation oder auch gegeneinander. Hier ist es vielleicht sinnvoll zu erwähnen, dass in solchen Spielen auch oft eine Unterscheidung zwischen PvE und PvP Modi gemacht wird. 

Oh weh! Was bedeutet das schon wieder? 

Unter PvE versteht man das ‚Player versus Environment‘. Hier spielt ein Spieler alleine oder in einer Gruppe gegen computergesteuerte Gegner und versucht, gewisse Aufgaben zu erfüllen. Diese Form verfolgt meistens das Ziel, die eigentliche Story-Line durchzuspielen. PvP hingegen bedeutet Player versus Player. Hier ist es häufig, dass im Spiel verschiedene Fraktionen existieren, die in verschiedensten Modi gegeneinander antreten und dafür Belohnungen erhalten. 

Könntest du bekannte Spiele nennen, die in dieses Genre fallen?

Zwei, meiner Meinung nach, eher harmlose Spiele, die hier zutreffend wären, sind Stardew Valley und ältere Erscheinungen von Final Fantasy. Final Fantasy besitzt allerdings inzwischen auch eine neuere Version, die mehr in die Kategorie des MMORPG fällt. Häufig steckt man Spiele in eine Hauptkategorie, auch wenn diese teilweise andere Spielelemente enthalten. 

Ich höre oft die Namen World of Warcraft kurz WoW, glaube ich, und League of Legends kurz LoL bei Jugendlichen fallen. Gehören diese Spiele zu diesen Kategorien?

Um meine vorherige Erklärung der Hauptkategorien zu verdeutlichen, passt League of Legends sehr gut dazu. Obwohl man in diesem Spiel pro Runde immer in eine Rolle schlüpft und diesen Charakter steuert, zählt LoL eigentlich zu den MOBA’s. MOBA steht für Multiplayer Online Battle Arena und ist charakteristisch für alle Spiele, in denen zwei Teams gegeneinander spielen, wobei jeder Spieler mit seinem gewählten Helden am Anfang der Runde mit Level 1 beginnt und dieser mit fortschreitendem Spiel aufsteigt. Wird jedoch ein neues Spiel gestartet, beginnt man wieder bei 1. Häufig geht es in diesen Spielen mehr um die Beherrschung der Fertigkeiten der Helden sowie das Wissen über diverse Elemente und Ziele, die auf der Karte erspielt werden können, um einen schnellen Sieg zu erringen. Sehr bekannte MOBA’s sind beispielsweise League of Legends und DotA 2 (das steht für: Defense of the Ancients). 
World of Warcraft und sein Gegenstück Guild Wars (1 & 2) kurz GW genannt sind eher in der Kategorie der MMORPG’s klassifiziert. 

In der Literatur konnte ich lesen, dass solche Spiele die Kinder bzw. die Jugendlichen fördern, in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Somit setzen sie sich in gewisser Weise mit der Welt auseinander. Die Frage ist von welcher “Welt” hier die Rede ist. Einige denken die digitale Welt existiert nicht wirklich und ist daher umbedeutsam für die reale Welt. Es ist also „verlorene Zeit“, die man dann in solche Spiele investiert. Es gibt keinen Transfer zur Realität, dort wo wir etwas bewirken können. Anstatt die digitale Welt als virtuelle nicht wirklich existierende Welt zu betrachten, verfolgt der erste Ansatz die Idee, dass die virtuelle Welt eine erweiterte Welt darstellt, wo man sich an Regeln halten soll, wo man Erfahrungen macht, die man im “echten” Leben auch nutzen kann. Die Kinder bzw. Jugendlichen können für kurze Momente komplett unabhängig von den Erwachsenen sein und in ihrem virtuellen Tun Erfahrungen sammeln. Wie denkst du darüber und welche anderen positiven Eigenschaften können die Nutzer/innen von solchen Spielen erlernen?

Prinzipiell stimme ich dieser Aussage zu, dass viele Spiele auch positive Eigenschaften fördern, welche man erlernen kann.  Allerdings sind diese Eigenschaften sehr spielabhängig. League of Legends beispielsweise kann dabei helfen, die eigene Reaktionsgeschwindigkeit zu verbessern, sowie Entscheidungen rasch zu treffen. Je nach Ausgang des Spielzuges lernt man auch rasch, ob dies nun die richtige oder die falsche Entscheidung war. Natürlich auch nur dann, wenn man sich im Nachhinein Gedanken darüber macht und sich einmal hinsetzt und reflektiert: “Was habe ich wie gemacht?” “Was hat der Spieler gegenüber wie gemacht? Wenn man sich so mit Spielen auseinandersetzt, kann man tatsächlich auch solche Muster in die reale Welt übertragen. In WoW und GW (Guild Wars) beispielsweise existieren Handelsplattformen, die eine komplett eigene Marktwirschaft darstellen. Es gibt in solchen Spielen auch häufig Spieler, die rein über das Handeln mit anderen Spielenden versuchen, Profit zu machen. Dabei kann man auf simpler Ebene auch lernen, wie die Grundprinzipien von Märkten funktionieren. Hier muss ich natürlich darauf bestehen, dass diese Elemente keinen Kurs darstellen oder komplexe Strukturen erklären. Aber es kann ein Interesse geweckt werden, welches dann durch Probieren und Lesen die Neugier stets weiter anregt. Ein weiterer Aspekt ist das gemeinsame Planen und Aufstellen von Teams, um bestimmte Ziele leichter erreichen zu können. Ein Spieler muss häufig nicht nur die Fähigkeiten seines eigenen Charakters kennen, sondern auch die der anderen, damit effiziente Teams gestaltet werden können. Diese planerische Fertigkeit kann sich auch im beruflichen Leben auszahlen, da Personen dann eventuell genauer nachdenken: “Wen können wir noch in unser Team holen, um unser Problem zu lösen?” Dieses Entscheidungsvermögen ist notwendig, da einige Spiele auch Rätsel eingebaut haben, die es zu lösen gilt. Diese Rätsel stärken auch das Denkvermögen besonders in der Hinsicht des genauen Lesens und auch des Nachdenkens, was mit den Aussagen gemeint ist. Häufig werden zum Beispiel rätselhafte Nachrichten verwendet und man muss erst herausfinden, in welchem Teil der Map – auf Deutsch Landkarte bzw. Spielwelt – dieses Rätsel stattfindet. Natürlich wird auch indirekt das Orientierungsvermögen gestärkt, da es nützlich ist sich zu merken mit welchen Non-Player Characters kurz NPC’s man gesprochen hat und wo sich diese auf der Welt befinden. NPC’s sind Non-Player Characters, also vom Computer gesteuerte Spieler, die teilweise statisch sind, teilweise aber auch pre-definierte Routen laufen. Ein echter Spieler muss ihn z. B. entlang diese Route an verschiedenen Stellen suchen. 

Wie schaut es mit sozialen Fähigkeiten aus?  

Als primäre Kommunikation existiert in den meisten Spielen eine Chat-Funktion. Über diese kann man, wie aus anderen Plattformen gewohnt, miteinander kommunizieren. Doch gibt es einige Gamer, die hier und da auch einmal mehr Kontakt mit ihren Mitspielern und Mitspielerinnen haben möchten. Teilweise gibt es inzwischen auch die Möglichkeit einer In-Game Sprachkommunikation. Doch werden häufig externe Plattformen gewählt, da es vorkommen kann, dass man an einem gemeinsamen Abend nicht nur in einem Spiel ist oder auch einfach mal nur plaudern möchte ohne zu spielen. Durch Kommunikationsplattformen, in welchen man mit seinen Freunden und Mitspieler/innen reden kann, lernt man auch schnell neue Personen kennen - oft auch international - und geht so vielleicht auch neue Freundschaften ein. Teilweise kann man solche Freundschaften nutzen, um die eigenen sprachlichen Fähigkeiten zu verfeinern und Kontexte zu besprechen, die in der Schule evtl. nicht erklärt wurden. Einige Beispiele für solche Plattformen sind: ehemals Teamspeak 2, inzwischen schon Teamspeak 3, Discord, Mumble, Ventrilo, etc… 

Da muss ich schmunzeln! Über den Ausdruck “verfeinern”. Lernt man nicht eher mehr Schimpfwörter als feine Ausdrücke? 

Natürlich lernt man auch etwas unfeinere Ausdrücke, da es passieren kann, dass man nicht so erfolgreich ist und hier und da auch mal das eine oder andere unartige Wort erwähnt wird. Je nach Community sind die allerdings nicht gegen andere Spieler gerichtet ,sondern einfach nur Ausdruck der Ärgernis. In toxischeren Communities kann dies natürlich auch ziemlich ausarten. Darauf gehen wir allerdings in einem weiteren Podcast näher ein. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass ich sehr viele normale sprachliche Elemente gelernt habe, indem ich beispielsweise die Sprache des Spiels geändert habe und zeitgleich mit Spielern in dieser Sprache geredet habe. Am häufigsten kommt es bei mir vor, dass ich die Spiele auf Englisch spiele. Selbst wenn ich mit österreichischen oder deutschen Freunden spiele, da die meisten Spiele in dieser Sprache entwickelt und publiziert wurden. Jedoch ist es auch schon vorgekommen, dass ich ein Spiel auf Französisch oder Spanisch eingestellt habe, damit ich Informationen leichter meinen Mitspielern weitergeben kann, da diese oftmals lieber in ihrer Muttersprache kommunizieren. Dadurch konnte ich rasch eine Vergrößerung meines Vokabulars erzielen.

Du sprachst über eigene Reflexionsprozesse, die notwendig sind, um ein mögliches Potenzial zu entfalten z. B. die Kenntnisse über Handel- und Marktwirtschaft. Meiner Meinung nach zeigt es, dass gewisse Spiele, sogar wenn sie unter Anführungszeichen “harmlos” sind, eine kognitive und emotionale Reife brauchen. Sonst wird die Frustration sehr hoch, wenn man nicht wirklich versteht, was man tut oder tun soll. Aber wir werden mehr über Altersempfehlungen und Altersbeschränkungen in einem anderen Podcast über Ego-Shooter reden. Diese Spielkategorie braucht – glaube ich – eine eigene Sendung. Das ist für mich jetzt das Stichwort für die Risiken! So weit ich informiert bin und auch selbst beobachtet habe, sind potenzielle Gefahren: die Dauer der Kampagnen und die Belohnungen, die mit dem Suchtpotenzial verbunden sind, dem rauen Ton der Community - der Gemeinschaft, der eine hohe Frustrationstoleranz erfordern kann und die Ausgaben, die man eigentlich freiwillig tätigt, um ein besseres Spielniveau schneller erreichen zu können. 

Ja, wie du es hier schon korrekt zusammengefasst hast, ist es wichtig sich nicht von den positiven Aspekten ‘blenden’ zu lassen, denn alle Spiele können auf eine gewisse Weise eine Schattenseite haben. 

Sehr beliebt sind auch Sport- und Simulationsspiele. 

Da gebe ich dir recht, besonders Spiele wie Fußball, Basketball und Eishockey erfreuen sich über besondere Beliebtheit. Viele diese Spiele enthalten das klassische Spielen der Spieler am Feld gegen andere Onlinespielende, aber auch gegen den Computer. Weitere Entwicklungen haben auch reine Simulationen zu diesen Sportarten veröffentlicht, in welchen man sein Managementgeschick unter Beweis stellen kann, indem man seinen eigenen Verein erstellt und ihn durch Handeln von Spielern und Definieren von Strategien, Aufstellungen und Trainings bestmöglich durch die Spiel-Saisonen bringt. Auch diese Simulatoren können oft online gegeneinander gespielt werden, zumindest im Sportbereich. Unter Simulationsspielen versteht man allerdings häufiger Flugsimulatoren, Landwirtschaftssimulatoren und sonstige auf dem Markt verfügbare Spiele, die reale Elemente in einer simulierten Welt darstellen. Oft kann man hierbei spielerisch auch sehr viele reale Fertigkeiten und Fähigkeiten erlernen. Hier tritt oftmals  ein Effekt auf, der in der Literatur unter dem Namen ‘Game-based Learning’ bekannt ist.

Ja, Spielen macht Spaß. Daher ist es naheliegend, dass man auch schulrelevante oder pädagogisch wertvolle Inhalte im Spielform anbietet. Kinder und Jugendliche sind dadurch wesentlich motivierter. Sie erleben mit diesem Format keinen Leistungsdruck beim Lernen. Außerdem können Sie dort auch die Augen-Hand-Koordination fördern und das Denkvermögen stimulieren. Nun gibt es aber verschiedene Begriffe, die man leicht verwechseln kann. Kannst du uns erklären, welche Unterschiede es gibt zwischen Game-based Learning, Gamification und Serious Play?

Game-based-learning verfolgt prinzipiell nicht das Ziel, spezifisches Wissen zu vermitteln. Hier steht das eigentliche Spiel im Vordergrund und die Fertigkeiten und Fähigkeiten werden sozusagen nebenher erlernt. Unter Gamification wird allgemein verstanden, dass Spielmechaniken und Experience Design herangezogen werden, um Personen digital einzubeziehen und motivieren, gewisse Ziele, in diesem speziellen Fall: Wissen, zu erreichen. Serious Play ist ein anderer Begriff für Gamification, welcher allerdings nicht zwingenderweise immer für digitale Spiele verwendet wird. Die Bezeichnungen variieren teilweise auch zwischen verschiedenen Branchen. Allerdings gelten Flugsimulatoren als die sozusagen ersten erstellten Serious Games. 
Persönlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass man durch seriöse Flugsimulatoren ebenfalls sehr viel über eine Leidenschaft lernen kann, auch wenn man nicht direkt in diesem Umfeld arbeitet. Solche Simulatoren werden oft sehr detailliert und präzise mit Profis aus dem jeweiligen Fachgebiet gemeinsam entwickelt. So habe ich beispielsweise auch durch das Spielen von Flugsimulatoren und Landwirtschaftssimulatoren in Kombination mit Informationen aus dem Internet - von echten Piloten und Landwirten sehr viele neue Aspekte aus diesen zwei Bereichen kennenlernen können. 

Ist Minecraft ein Computerspiel, welches Game-based learning unterstützt? Sogar Manfred Spitzer, der als Neurowissenschaftler den digitalen Spielen sehr kritisch gegenübersteht, findet Minecraft “ganz ok”, wenn ich das so ausdrücken darf. Auch Gerald Hüther, ein anderer berühmter Neurowissenschaftler findet das Spiel kreativ und sinnvoll. Das ist eine gute Nachricht für Eltern. Minecraft darf man ohne Angst spielen lassen. Bist du damit einverstanden?

In gewisser Weise schon, auch wenn das Basis-Spiel eher Logik, Planung – auch minimal Logistik, wenn man das so will – und Kreativität im Allgemeinen fördert. Nun haben sich allerdings schon seit geraumer Zeit Pädagogen und Entwickler als Ziel genommen, dieses Spiel auch mal etwas anders zu gestalten, indem sie beispielsweise geschichtliche Monumente nachbauen und diese dann im Rahmen eines Geschichte-Unterrichts besuchen. In diesem Zusammenhang werden ursprünglich game-based learning Elemente, um Gamifizierte Elemente erweitert, damit die Möglichkeiten maximal genutzt werden können. Auch andere Fächer haben schon begonnen, sich besonders mit den Möglichkeiten dieses Spiels auseinander zu setzen. Ich würde jetzt nicht behaupten, dass Eltern ihre Kinder zu 100% gefahrlos spielen lassen können. Immerhin ist es dennoch in gewisser Form ein MMORPG, in welchem es sehr abhängig ist von der Community, wie das Spiel gespielt wird. Allerdings ist der Single-Player Modus, wenn das Kind den Altersbestimmungen entspricht, definitiv keine Gefahr. In Online Spielmodi empfiehlt es sich trotzdem, dass man sich eventuell gemeinsam mit dem Kind hinsetzt und sich einmal ansieht, um was es darin geht. Auf Servern kann es teilweise genauso zu Mobbing, Scamming und anderen Vorfällen kommen. Als Elternteil kann man dann eventuell besser einschätzen, ob das Kind die nötige Reife dafür besitzt. In den meisten Fällen sind die Spielszenarien allerdings so sehr auf eine virtuelle Welt reduziert, dass nur wenig Risiko besteht. 

Man kann auch mit Krimi-Computerspielen Sprachen lernen. Z. B. das Goethe-Institut bietet ein Serious Game an, das heißt “ein rätselhafter Auftrag”, um Deutsch spielerischer zu lernen. Die Links zu den in den Podcasts erwähnten Seiten stelle ich Ihnen im Transkript zur Verfügung. Für die englische Sprache gibt es z. B. das Sprachlernspiel “Vocabicar”, welches 2018 den Deutschen Computerspielepreis gewonnen hat. Die Zielgruppe sind Kinder von acht bis zwölf Jahren. Der Auftrag ist es ein Fahrzeug zu steuern. Die rasche Fahrt durch virtuelle Räume ermöglicht das Einsammeln von Vokabeln. Die Kinder erweitern so ihren Wortschatz sehr rasch. Allerdings müssen die Eltern auch bei Serious Games immer überprüfen, worum es bei dem Spiel geht. Serious Game heißt  nicht automatisch nicht gewalttätig!

Mein Fazit: das grundsätzliche Verteufeln von Computerspielen ist also nicht gerechtfertigt. Viele Fertigkeiten und Fähigkeiten können durch solche Spiele trainiert und erlernt werden. Sie sind motivierend und helfen besonders bei lernmüden Kindern und Jugendlichen Inhalte zu vermitteln. Allerdings sollten Eltern immer auf der Hut sein, was in dem Spiel tatsächlich trainiert wird, welche sozialen Kompetenzen vermittelt werden? Dafür empfehle ich den Spielratgeber Nordrhein-Westfalen, der von Gamer-Pädagogen und -Pädagoginnen verfasst und moderiert wird. Dort finden Sie Informationen über Genre, USK also Unterhaltungs- software Selbstkontrolle und pädagogische Altersempfehlung. Diese sind oft nämlich unterschiedlich. Natürlich erfährt man auch etwas über die Inhalte. Eric, vielen Dank für die vielen Informationen. Ich sage Tschüss.

Ich danke auch für diese nette Unterhaltung und freue mich auf unser nächstes Gespräch.

Quellen:
Eichenberg, Christiane & Auersperg, Felicitas. (2018) Chancen und Risiken digitaler Medien für Kinder und Jugendliche. Ein Ratgeber für Eltern und Pädagogen (1. Auflage). Göttingen: Hogrefe Verlag GmbH.

Hüther; Gerald & Quarch Christoph. (2018). Rettet das Spiel! Weil Leben mehr als Funktionieren ist. München: Carl Hanser Verlag.

Spitzer, Manfred. (2015) Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft. (9. Auflage). Stuttgart: Ernst Klett Verlag GmbH.

Zimmermann, Pia. (2016) Generation Smartphone. Wie die Digitalisierung das Leben von Kindern und Jugendlichen verändert. Was wir wissen sollten und was wir tun können. (2. Auflage). Munderfing: Verlag Fischer & Gann.
Links:
https://www.goethe.de/de/spr/mag/20426904.html
https://vocabicar.de
https://www.spieleratgeber-nrw.de




Mehrsprachigkeit Nr. 7 - Transkript
Künstliche Mehrsprachigkeit? - verschiedene Settings!

Laure Mortelier: Willkommen beim Podcast von Motiviert Lernen & Leben zum Thema Mehrsprachigkeit. Heute ist wieder Miriam Pieber bei mir. Hallo!

Miriam Pieber: Hallo!
Laure Mortelier: Heute habe ich eine besondere Frage. Bringt es etwas, einem Kind eine Sprache zu Hause beizubringen, wenn kein Elternteil diese Sprache als Erstsprache oder Zweitsprache beherrscht? Also, zum Beispiel, wenn eine Oma, die Englisch als Fremdsprache auf einem hohen Niveau erlernt hat, mit dem Enkelkind von klein an regelmäßig Englisch spricht, wenn es zu Besuch kommt, um das Kind besonders zu fördern. Bringt es was? Ist es gut?
Miriam Pieber: Also, wie bereits erwähnt, erfüllt Sprache kommunikative Zwecke. Ich betone das deswegen, weil es darum geht, Informationen miteinander produktiv auszutauschen. Zum Beispiel kann man durch Sprachen einen Termin ausmachen. Man kann miteinander über gewisse Themen sprechen oder auch Inhalte in der Sprache lernen. In deinem Beispiel handelt es sich zwar um eine gutgemeinte Idee, aber sie ist nicht authentisch. Das Kind weiß ganz genau, dass es eigentlich in einer anderen Sprache leichter und schneller mit der Großmutter kommunizieren kann und weiters übernimmt es mögliche Grammatik- und Aussprachefehler. Ganz wichtig beim Erlernen einer Sprache ist also die Zweckmäßigkeit und die Menge des qualitativ-hochwertigen Inputs


. Es ist schwierig für die Großmutter diese „Fiktion“, unter Anführungszeichen, der „Anderssprachigkeit“ aufrecht zu erhalten. Wenn die Großmutter zum Beispiel Englisch mit dem Kind, aber ganz selbstverständlich daneben mit den Eltern Deutsch spricht, weil das der natürlichen Kommunikationssituation entspricht, wird das Kind das merken. Man kann nur schwer, so konsequent sein, dieses unnatürliche Setting aufrecht zu erhalten. Vor allem wenn man weiß, dass die Menschen im Allgemeinen ökonomisch mit ihren Sprachen umgehen.
Laure Mortelier: Das heißt, es kostet viel Energie für die Großmutter. Es könnte auch auf Kosten der Beziehung zum Enkelkind gehen, wenn ich dich richtig verstehe. Ich meine, die Beziehung wird durch einen selbstauferlegten pädagogischen Auftrag belastet. Man verliert selbst dadurch an Authentizität, weil man sich selbst in einer Rolle zwängt, die nicht natürlich ist, im Endeffekt.
Miriam Pieber: Ja, das ist durchaus möglich, genau. Schon kleine Kinder fühlen ja, wie mit Antennen, wie authentisch die Beziehungen und Gespräche sind. Und die Beziehung sollte eigentlich im Vordergrund stehen. Und nicht die Angst vor zu wenig Förderung. Wenn man einem Kind Spaß an der Sprache vermitteln will, dann ist es durchaus legitim, wenn keine Perfektionsansprüche oder zu hohe Erwartungen bezüglich des Outputs damit verbunden sind.



Laure Mortelier: Also zusammenfassend kann man sagen, beim Spracherwerb geht es vor allem um Authentizität, Spaß, aber auch um Qualität und Quantität des persönlichen Inputs und auch um Ausdauer. Eine Alternative wäre ein Au-Pair-Programm zu probieren. Was denkst du darüber?
Miriam Pieber: Wenn dieses Modell langfristig angelegt ist und die Kinder wissen, dass sie nur in einer Sprache, nämlich der Zielsprache, authentisch mit dem/der Au-Pair sprechen können, dann kann dies durchaus produktiv sein. Es ist natürlich auch die Frage: Was erwartet man sich von solchen Sprachsituationen? Oder was erhofft man sich? Oft glauben Eltern ja, dass ihr Kind dann ein „native“ Niveau erreicht. Dabei handelt es sich um einen umstrittenen Begriff, bei dem nicht ganz genau festgelegt ist, was von zentraler Bedeutung ist: die Geburt in einem anderssprachigen Land, die Beschulung im Herkunftsland, das mehrsprachige Aufwachsen, die Aussprache, die Grammatik, das Ausdrucksvermögen, die sprachlichen Register, wie zum Beispiel die Umgangssprache, Bildungssprache, Standardsprache oder auch Dialekte und so weiter. Wie man sieht, ist also die Hoffnung „native“ bzw. authentisch oder perfekt zu sprechen nicht unbedingt wünschenswert. Es sollte nicht das Ziel des Unterfangens sein. Denn worum geht es eigentlich? Darum, mit anderen Menschen zu interagieren und zu kommunizieren. Ein Au-Pair kann durch umfangreichen authentischen qualitativ-hochwertigen Input unter anderem auch dazu beitragen, dass Kinder Freude an Sprachen entwickeln und sich in einem weiteren Schritt trauen, neue Wörter und Ausdrücke zu verwenden und auszuprobieren.
Laure Mortelier: Und was denkst du über Schulen und Kindergärten, die nur Englisch oder gemischt Englisch/Deutsch unterrichten? Zum Beispiel, wenn eine Familie einsprachig ist, aber sich wünscht, dass das eigene Kind auch in Englisch gut gefördert wird? Wie ist das Setting?
Miriam Pieber: Ja, also, das ist sicher eine spannende Möglichkeit. Das kommt ganz darauf an, welches Setting die Schule anbietet. Ich würde empfehlen, dass zumindest ein Drittel der Unterrichtszeit dann in der Zielsprache stattfindet. Und [dass] es auch klare Ansprechpersonen für jede Sprache geben sollte. Man nennt das auch oft „CLIL“ „Content [and] Language Integrated Learning“ auf Deutsch heißt das „Inhalts- und sprachintegriertes Lernen“. Das heißt, dass eine Sprache gleichzeitig mit gewissen Inhalten vermittelt wird. Zum Beispiel Geographie auf Englisch oder Mathematik auf Türkisch. Besonders erfolgreich sind auch Two-Way-Immersion-Systeme, die in Deutschland, aber auch in anderen Ländern schon getestet wurden. In Österreich wird es auch bald so ein Programm geben.
Laure Mortelier: Was ist dann der Unterschied zu CLIL?
Miriam Pieber: CLIL ist sozusagen eine Maßnahme, bei der ein Teil der Unterrichtszeit in der Zielsprache vermittelt wird. Das Ausmaß der Wochenstunden kann dabei je nach Schule stark variieren und die Schüler und Schülerinnen sind – im österreichischen Kontext – meist homogen einsprachig Deutsch. Wenn sie mehrsprachig sind, dann mit Deutsch und einer anderen Sprache. Bei Two-Way-Immersion-Systemen bestehen die Klassen zur Hälfte aus Kindern mit Erstsprache Deutsch und zur anderen Hälfte aus Kindern einer homogen anderen Sprache zum Beispiel Türkisch oder Bosnisch-Serbisch-Kroatisch und das Ziel ist, in beiden Sprachen ein mehr oder weniger ausgewogenes Sprachniveau zu entwickeln. Im Durchschnitt kommt man über die vier Jahre der Grundschulzeit auf ein 50/50-Verhältnis zwischen den beiden Sprachen. Bei solchen Systemen steht auch die zweisprachige Alphabetisierung im Vordergrund, die bei CLIL meist eine eher untergeordnete Rolle spielt bzw. wenn in der Sekundarstufe CLIL durchgeführt wird, gar keine.
Laure Mortelier: Ich verstehe. Dankeschön für diese ausführlichen Informationen. Ich glaube jetzt kennen wir uns ein bisschen [besser] aus. Für mich behalte ich die zwei Säulen für das Sprachenlernen, mehrsprachig oder nicht […]: Authentizität und Spaß. Und ich wünsche unseren Zuhörer/innen viel Spaß beim Erlernen von Sprachen, ob von klein an oder im Alter. Bestes Anti-Aging überhaupt. Und ich sage […] bis zum nächsten Mal und vielen Dank nochmals.
Miriam Pieber: Danke! Tschüss!
Laure Mortelier: Tschüss!

zum Vertiefen:
Über CLIL-Unterrichtsmethode und -Forschung vom Goethe Institut
https://www.goethe.de/de/spr/unt/kum/clg/20984546.html

Mehrsprachigkeit Nr. 6 - Transkript
Mehrsprachigkeit und Literalität

Laure Mortelier: Willkommen beim Podcast von Motiviert Lernen & Leben zum Thema Mehrsprachigkeit und Literalität. Ich begrüße Miriam Pieber. Hallo!
Miriam Pieber: Hallo!
Laure Mortelier: Du bist ausgebildete Lehrerin und du kannst uns deswegen zu diesem Thema besonders gut helfen. Meine Frage an dich heute: Sollte man die Familiensprache nur mündlich weitergeben oder dem Kind auch das Lesen und das Schreiben beibringen?
Miriam Pieber: In Zeiten der Globalisierung und der Technisierung ist eine Alphabetisierung in der Erstsprache grundsätzlich anzustreben, denn in den Gesellschaften finden zahlreiche schriftliche Informations- und Austauschprozesse statt. Es gibt auch eine gesteigerte gesellschaftliche und sprachliche Diversität und damit einhergehend auch gesteigerte literale Anforderungen an Kinder und Jugendliche. Aus diesem Grund bietet eine Alphabetisierung in mehreren Sprachen mehr Partizipationsmöglichkeiten innerhalb einer gegebenen Gesellschaft. Und was verstehe ich eigentlich unter Literalität? Es gibt verschiedene Definitionen. Im Allgemeinen kann jedoch gesagt werden, dass immer damit Lesen und Schreiben im Medienverbund gemeint ist. Wenn auch die Mehrsprachigkeit einbezogen wird, dann spricht man von den Multiliteracies, das ist ein Begriff der von Nadja Kerschhofer-Puhalo weiterentwickelt worden ist. Wenn die Möglichkeit besteht, das Kind in einen Erstsprachenunterricht in der Schule oder auch zu einem Kurs im Rahmen anderer Institutionen zu schicken, wäre das ideal, weil so der Vermittlungsdruck bei den Eltern nachlässt und die Eltern-Kind-Beziehung dadurch nicht belastet wird. Mir ist aber durchaus bewusst, dass diese Möglichkeiten nicht für alle Sprachen bestehen. Es gibt mittlerweile für bestimmte Sprachen Fernkurse. Sollte das nicht gegeben sein, ist natürlich zu begrüßen, dass die Eltern mit ihren Kindern zu Hause Lesen und Schreiben üben.
Laure Mortelier: Also, dass sie es mindestens versuchen.
Miriam Pieber: Genau, auf jeden Fall. Dass man mit dem Kind liest, dass man sich mit dem Kind auseinandersetzt, über gewisse Themen spricht. Wir haben das schon in einem anderen Podcast erwähnt, also werde ich das jetzt nicht noch einmal wiederholen, aber alles, was gelesen und geschrieben wird, oder gesprochen wird – mit einem Kind – ist grundsächlich positiv.
Laure Mortelier: Wann ist denn der beste Zeitpunkt, um in der Erstsprache Lesen und Schreiben zu erlernen: vor, während oder nach der Einschulung der Umgebungssprache?
Miriam Pieber: Ich habe das jetzt mehrfach in den verschiedenen Podcasts erwähnt, das man von der Interdependenz-Hypothese ausgeht, das bedeutet, dass das Niveau in der Erstsprache einen Einfluss auf das Niveau der Zweitsprache hat. Wenn man also davon ausgeht, dann ist es
durchaus zu begrüßen, die Alphabetisierung in der Erstsprache vor der Einschulung zu beginnen. Damit meine ich vor allem das Lesen. In weiterer Folge können dann auch die Schriftzeichen schriftlich erlernt werden. Es kommt natürlich auch darauf an, welches Schriftsystem in der Erstsprache verwendet wird. Da gibt es dann verschiedene Herausforderungen bzw. auch leichtere Zugänge, wenn es sich um das gleiche Schriftsystem handelt.
Laure Mortelier: Es ist klar, wenn eine Sprache andere Schriftzeichen hat, ist das eine noch größere Herausforderung. Aber wenn das Alphabet gleich ist, hat das Kind, wenn es zuerst Lesen lernt – in der Erstsprache –, bevor es zur Schule geht, eine Verbindung zwischen [den] Lauten und den lateinischen Buchstaben und das ist natürlich ein Plus, ein Bonus. Das erleichtert den Einstieg in die Schriftlichkeit der deutschen Sprache. Oder?
Miriam Pieber: Ja, genau.
Laure Mortelier: Dann vielen Dank, dass du uns Mut machst, als Eltern die Kinder beim Lesen und beim Schreiben zu unterstützen – in der Erstsprache. Ich glaube, viele Eltern brauchen Mut und auch Unterstützung. Vielen Dank. Ich sag bis zum nächsten Mal.
Miriam Pieber: Tschüss, bis zum nächsten Mal.

Zitierte Quellen:
Kerschhofer-Puhalo, Nadja (2018): Multimodalität und Multiliteralität in der Leseförderung. Der Beitrag der Pädagogik der Multiliteracies und der New Literacy Studies zur Förderung (multi-)literaler Kompetenzen. In: Kutzelmann, Sabine und Ute Massler (Hrsg.): Mehrsprachige Leseförderung. Tübingen: Narr (= Reihe Narr Studienbücher).


Mehrsprachigkeit Nr. 5 -Transkript
Mehrsprachigkeit und Schule

Laure Mortelier: Willkommen beim Podcast von Motiviert Lernen & Leben zum Thema Mehrsprachigkeit und Schule. Miriam Pieber ist wieder bei mir zu Gast. Hallo!
Miriam Pieber: Hallo!
Laure Mortelier: Du bist ausgebildete Lehrerin und kann deswegen mir und [den] Zuhörer/innen heute helfen - zu diesem Thema. Es ist ja so, dass Lehrer/innen in der Grundschule manchmal bemerken, dass bestimmte mehrsprachige Kinder beim Wortschatz und/oder in der Grammatik Schwierigkeiten in Deutsch haben, sodass sie dann auch den Eltern empfehlen, die Erstsprache zu Hause entweder stark zu reduzieren oder gar aufzugeben. So etwas verunsichert natürlich die Eltern. Sie fühlen sich vielleicht auch nicht so sicher beim Weitergeben der Sprache - der deutschen Sprache - sollen sich jetzt diese Eltern diese Empfehlung zu Herzen nehmen oder nicht?
Miriam Pieber: Also in diesem Zusammenhang empfehle ich die Broschüre „Spracherwerb in der Migration“ von Univ. Prof. Rudolf De Cillia. Diese Broschüre wurde vom Bundesministerium für Bildung und Frauen herausgegeben und darin wird beschrieben, dass es ganz wichtig ist die Erstsprache zu Hause zu fördern. Da laut Cummins ein Zusammenhang zwischen dem Erst- und Zweitspracherwerb angenommen wird. Eine mangelhafte Sozialisation kann schließlich dazu führen, dass in der Zweitsprache nachhaltig Schwierigkeiten entstehen. Oft bemerkt man diese dann erst beim Erwerb der sogenannten kognitiv-akademischen sprachlichen Fertigkeiten Ende der Grundschule bzw. Anfang der Sekundarstufe, wo immer mehr mit abstrakten Begriffen umgegangen wird. Die Broschüre ist allgemein leicht geschrieben. Aus diesem Grund empfehle ich sie sowohl den Eltern als auch Lehrpersonen. Ein konkretes Beispiel aus der Broschüre ist folgende Aussage: Der muttersprachliche Unterricht behindere, störe das Erlernen der Zweitsprache Deutsch. De Cillia spricht dabei von einem Trugschluss. Ich zitiere: „Gerade bei mangelnder Berücksichtigung der Muttersprache kann sich die Spracherwerbsfähigkeit nicht voll entfalten, was sich dann später in allen Dimensionen schulische Leistungen negativ auswirken kann.“ Was kann man nun mit Kindern und Jugendlichen machen? Zum einen ist eine frühe Förderung in der Zweitsprache sinnvoll, auf der anderen Seite auch eine Literalisierung in der Erstsprache und eine langfristige Förderung bzw. ein langfristig angelegter Erstspracheunterricht sei es im Rahmen des muttersprachlichen Unterrichts in der Schule oder in einem Kurs einer anderen Institution. Besonders das Hörverstehen sollte im Vordergrund stehen, da dieses auch Auswirkungen auf das spätere Textverständnis hat.
Laure Mortelier: Also wie können Lehrpersonen, die mit Mehrsprachigkeit in der Schule konfrontiert sind, ganz konkret umgehen?
Miriam Pieber: Also man kann zum Beispiel ganz einfach die Erstsprache in der Schule berücksichtigen, die die Kinder mitnehmen. Dann ist auch das richtige Aussprechen der Namen wertschätzend und wenn man ein paar Sätze in den jeweiligen Erstsprachen der Kinder beherrscht, fühlen sich die Schüler und Schülerinnen auch mehr angesprochen. Indem man das macht und durch andere Methoden bzw. Übungen kann man die Präsens der gesprochenen Sprachen garantieren. Ein weiterer Aspekt ist auch das Zulassen verschiedener Sprachen in der Pause oder auch bei Partner- und Gruppenarbeiten, denn letztendlich ist ja das Ergebnis wichtig und nicht welche Sprache verwendet wurde im Laufe des Entstehungsprozesses. Ein weiterer Punkt, den man im Rahmen der Medienerziehung durchführen kann, ist das Erstellen muttersprachlicher Produkte mit auch einer deutschen Übersetzung. Da werden verschiedene Fertigkeiten von den Kindern und Jugendlichen abverlangt und das kann auch sehr motivierend sein. Das stärkt das Selbstbewusstsein der Jugendlichen. Ich verweise auch in diesem Zusammenhang auf das Curriculum Mehrsprachigkeit von Hans-Jürgen Krumm. Dabei handelt es sich um einen Rahmenlehrplan der Lehrpersonen unterstützt und auch Möglichkeiten anbietet, die Mehrsprachigkeit der Schüler und Schülerinnen einzubeziehen.
Laure Mortelier: Andererseits, glaube ich, dass die Lehrer und Lehrerinnen sich Sorgen machen, um die deutsche Sprache, nicht um die Erstsprache der Kinder. Sie haben Angst die deutsche Sprache kommt zu kurz, wird nicht genug gefördert und was können sie machen DAF/DAZ Förderungsstunden zusätzlich anfordern. Ich glaube, das ist das Problem beim Lehrkörper.
Miriam Pieber: Ja, das ist durchaus ein Thema. Da gibt es auch viele DAZ- Förderungen aber es sollte berücksichtigt werden, dass grundsächlich jeder Fachunterricht auch gleichzeitig ein Sprachunterricht ist. Das heißt, als Lehrpersonen haben wir auch die Verantwortung, die deutsche Sprache in jedem Unterrichtsfach zu vermitteln und zu stärken. Und dies kann auch durch die Berücksichtigung von Deutsch als Zweitsprache vonstatten gehen,.
Laure Mortelier: Ist es nicht langweilig für Kinder, die die deutsche Sprache beherrschen DAF/DAZ mehr oder weniger ständig zu machen? Sie brauchen das eigentlich nicht?!
Miriam Pieber: Es wird ja nicht ständig gemacht. So wie du das gerade sagst, sondern es wird in den Unterricht integriert. Das heißt, wenn es gerade passend ist, wird darauf verwiesen welche sprachlichen Strukturen wichtig sind dafür, welche Fachwortschatz man verwendet - Stichwort Scaffolding - das heißt man unterstützt durch ausformulierte Sätze oder Strukturen die Schüler und Schülerinnen und die Schule hat ja zum Ziel die Bildungssprache zu fördern. Und das ist nicht nur interessant für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache oder für Schüler und Schülerinnen, die Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten haben, sondern auch ganz zentral für alle Kinder, die den Unterricht besuchen.
Laure Mortelier: Das heißt, du meinst die Wiederholung ist eigentlich für alle Schüler und Schülerinnen gut. Alle profitieren davon.
Miriam Pieber: Es handelt sich ja nicht um eine Wiederholung sondern grundsächlich um ein Erlernen eines gewissen Sprachstandards.
Laure Mortelier: Ok, das heißt, eigentlich ein Gewinn. Könnte man so sagen, wenn man das berücksichtigt und es ist erfreulich, das so zu sehen. Ich hoffe viele werden das jetzt berücksichtigen und ich danke dir für deine Erklärungen, für deine Tipps und freue mich auf unser nächstes Treffen.
Miriam Pieber: Tschüss!
Laure Mortelier: Tschüss!


Quellen:

http://www.plattform-migration.at/fileadmin/data/Publikationen/De_Cillia_2013_Spracherwerb_in_der_Migration.pdf

http://oesz.at/download/cm/CurriculumMehrsprachigkeit2011.pdf

Cummins, J. (1979). Linguistic Interdependence and the educational development of bilingual children. In Review of Educational Research 49 (2). S. 222–251.

Mehrsprachigkeit Nr. 4 -Transkript
Dominanz der Sprache

Laure Mortelier: Willkommen beim Podcast von Motiviert Lernen und Leben zum Thema Mehrsprachigkeit. Miriam du bist eine Expertin auf diesem Gebiet. Ich heiße dich willkommen.
Miriam Pieber: Hallo!
Laure Mortelier: Meine Frage an dich heute: Ist es so, dass die Umgebungssprache, zum Beispiel in Österreich, innerhalb einer Familie in den meisten Fällen dominiert?
Miriam Pieber: Ja, also, je nach Familienkonstellation und Dominanz der Umgebungssprache kann es durchaus passieren, insbesondere, wenn nur ein Elternteil die Familiensprache vermitteln kann.
Laure Mortelier: Wie kann man die schwächer ausgeprägte Sprache im Alltag fördern? Helfen da Rituale?
Miriam Pieber: Ja, auf jeden Fall, das ist sehr zu begrüßen. Man kann zum Beispiel abends vor dem Schlafengehen gemeinsam eine Geschichte lesen oder auch eine Geschichte vorlesen lassen, Lieder singen oder den Tag Revue passieren. Je nach Alter des Kindes können auch die Texte variieren. Zum Beispiel bei einem Kind ein Kinderbuch oder ein Sachbuch, mit Jugendlichen vielleicht auch schon erwachsene Literatur oder Jugendliteratur. Wichtig ist auf jeden Fall die Kommunikation während des Leseprozesses, indem man mit dem Kind spricht und dieses antworten lässt. Zum Beispiel man könnte das Kind fragen: „
Was denkst du, wie könnte die Geschichte weitergehen?“ oder in einem Bilderbuch: „Wo ist denn der Fuchs? Was könnte er als Nächstes machen?“ Also, keine direkten Antworten geben, sondern die Kreativität und das Vorstellungsvermögen der Kinder anregen. Oft stellen Kinder Fragen, wenn ein Elternteil etwas vorliest. Für Eltern kann das manchmal anstrengend sein, weil der Lesefluss unterbrochen wird, tatsächlich ist dieses „Miteinander-Sprechen“ essentiell, weil die Kinder dadurch angeregt werden, sich noch mehr mit dem Text auseinander zu setzen und gleichzeitig den Wortschatz festigen. Noch einmal, das ist das Beste, was passieren kann, wenn die Kinder neugierig sind und ein Dialog zustande kommt. So kann das Lesen verbinden.
Laure Mortelier: Was denkst du über Wimmelbilder? Sie würden sich ganz gut eignen, oder? Es sind eine Vielzahl an Situationen abgebildet, drinnen!
Miriam Pieber: Ja, genau. Es gibt dann auch andere authentische Situationen, die man nutzen kann, zum Beispiel das Einkaufen oder Kontakt zu Verwandten, gemeinsames Nachrichtenschauen – mit Jugendlichen in diesem Fall. Das Sprechen über Aktualität. Man kann auch Kinder für Kinder- und Jugendzeitschriften abonnieren, eine weitere Möglichkeit wäre das Abonnement für eine Zeitung.
Laure Mortelier: Ja, und heute haben wir Internet! Mit dem Internet hat man wirklich einen leichteren Zugang zu vielen Materialien und ich denke auch an Kommunikationsmöglichkeiten wie Skype, Whatsapp und alle anderen sozialen Medien, die zur Verfügung stehen. Es ist alles viel leichter geworden eigentlich!
Miriam Pieber: Das stimmt, man kann ja auch jetzt das Handy in einer anderen Sprache verwenden und zum Beispiel – ich denke dabei an Computerspiele – die könnte man auch in die Zielsprache verwenden bzw. mit anderen Spielern und Spielerinnen in der Zielsprache kommunizieren.
Laure Mortelier: Und die Kinder sind dann auch sehr motiviert!
Miriam Pieber: Genau, ja und heutzutage kann man auch Zeitungen im Internet lesen und […] preiswert abonnieren.
Laure Mortelier: Vielen Dank, Miriam, für diese Tipps und ich sage bis zum nächsten Mal.
Miriam Pieber: Tschüss.
Laure Mortelier: Tschüss.

Mehrsprachigkeit Nr. 3 -Transkript
Vor- und Nachteile von Mehrsprachigkeit

Laure Mortelier: Willkommen beim Podcast vom Motiviert Lernen und Leben zum Thema Mehrsprachigkeit. Heute ist wieder Miriam Pieber zu Gast. Hallo!
Miriam Pieber: Hallo!
Laure Mortelier: Und meine Frage, Miriam, lautet: Gibt es Vor- und Nachteile, wenn man mehrsprachig aufwächst?
Miriam Pieber: Also, grundsätzlich geht man von Vorteilen aus. Das kann natürlich je nach politischer und sprachlicher Situation anders aufgefasst werden. Es gibt Länder, die sich eher als monolingual verstehen und andere, die sich als mehrsprachig ansehen und dementsprechend die eine oder andere Richtung besonders fördern. An sich hat man positive Auswirkungen eines ausbalancierten Bilinguismus bemerkt: in Bezug auf die analytischen Fähigkeiten, die besser ausgebaut sind, auch der kreative Bereich ist meistens besser ausgeprägt als bei monolingualen Kindern und auch die soziale Intelligenz wird gesteigert. Man geht davon aus, dass mehrsprachige Kinder differenzierter auf Zuhörende eingehen können, auch schneller Empathie entwickeln, aber darauf kommen wir noch, und es stärkt auch das Selbstbewusstsein der Schüler und Schülerinnen. Und natürlich bringt Mehrsprachigkeit auch Vorteile bei den sozialen Interaktionen: Man kann mit der Familie kommunizieren oder mit Freunden oder auch in der Schule und am Arbeitsmarkt ist das auch (…) ein Vorteil. Laut Rudolf De Cillia bringen Sprachkenntnisse in den jeweiligen Erstsprachen Vorteile in Sozial- und Dienstleistungsberufen, zum Beispiel bei der Polizei oder auch im Krankenhaus oder in Pflegeberufen, aber auch in den Bereichen der Schule oder im Kindergarten oder auch im Handel. Und da gibt es durchaus eine große Nachfrage nach zweisprachigen Menschen, für die die Kenntnisse ihrer Muttersprache – sage ich jetzt mal – derart zu einer zusätzlichen Qualifikation werden, dass sie sich tatsächlich am Arbeitsmarkt von einsprachigen Personen unterscheiden. Und dadurch auch einen Vorteil haben. Man weiß, dass das Erlernen der Muttersprache der Erwerb der Umgebungssprache unterstützt. Sprich, wenn man die Erstsprache gut kann, kann man leichter die Zweitsprache erwerben. Man hat auch bemerkt, dass die Qualität und die Quantität der Spracherwerbsstrategien bei bilingualen Kindern weit mehr ausgeprägt sind als bei monolingualen. Und wir haben auch schon gesagt, dass mit der Empathie, und darauf möchte ich noch einmal zurückkommen, weil in einem Buch über das mehrsprachige Gehirn, hat der Forscher Albert Costa einige Forschungsergebnisse präsentiert. Und da hat sich gezeigt, dass mehrsprachige Kinder viel früher sich in andere Sprechpartner und -partnerinnen hineinversetzen können als einsprachige. Die Kinder, die einsprachig aufwachsen, lernen das auch im Laufe ihrer Kindheit noch dazu, aber in einer späteren Entwicklungsphase. Derzeit geht man auch davon aus, dass mehrsprachige Kinder in ihren jeweiligen Sprachen einen leicht geringeren Wortschatz aufweisen als einsprachige Kinder. Aber es ist zu berücksichtigen, dass mehrsprachige Kinder insgesamt mehr Wörter gelernt haben, wenn man die beiden Sprachen zusammen betrachtet. In diesem Zusammenhang sei auch angemerkt, dass es innerhalb der Gruppe der mehrsprachigen Kinder und innerhalb der Gruppe der einsprachigen Kinder zu erheblichen Unterschieden bezüglich der Wortschatzmenge kommen kann.
Laure Mortelier: Ich verstehe. Bedeutet das also für die Eltern jetzt, dass sie ein besonderes Augenmerk auf Wortschatztraining legen sollten? Wie kann man dabei ganz konkret vorgehen?
Miriam Pieber: Grundsätzlich ist zu empfehlen, authentische Kommunikationssituationen auszuschöpfen. Damit meine ich, dass man nicht gezwungenermaßen Dialoge inszeniert, die nichts mit dem Alltag zu tun haben.
Laure Mortelier: Was kann man sich unter einer erzwungenen Kommunikationssituation vorstellen? Was ist das?
Miriam Pieber: Also erzwungen wäre zum Beispiel, plötzlich, ohne Grund, über ein Thema zu sprechen, um pädagogische Zwecke zu erfüllen. Das Kind liest zum Beispiel als Hausübung einen Sachtext auf Deutsch und möchte auch mit dem Ansprechpartner auch auf Deutsch sprechen, weil das notwendige Vokabular dafür aktiviert wurde und der Erwachsene versucht dann alles in die andere Sprache zu übersetzen. Um sozusagen zwei Fliegen mit einem Schlag zu erledigen. Was ich unter einer authentischen Kommunikation verstehe, ist zum Beispiel, dass man sich gemeinsam einen Film anschaut oder gemeinsam ein Buch gelesen hat und dieses dann in der Erstsprache kommentiert und bespricht.
Laure Mortelier: Also, wenn ich dich richtig verstehe, bedeutet das, dass die Situation natürlich zustande kommen sollte, im Redefluss, sodass es angenehm ist, in der jeweiligen Sprache zu reden.
Miriam Pieber: Genau, aber das bedeutet nicht, dass man nur eine Sprache sprechen muss. Manchmal kann es auch zu Code-Switching kommen, also, wenn man von einer Sprache zur anderen wechselt.
Laure Mortelier: Bedeutet das, dass die Kinder die beiden Sprachen nicht gut genug beherrschen, wenn sie das machen? Wenn sie die Sprachen mischen? Haben die Eltern dann Fehler gemacht? Oder ist das einfach ein normales Phänomen?
Miriam Pieber: Also, es ist so, dass Sprachen eine kommunikative Funktion erfüllen. Das habe ich schon mehrfach betont und wir wollen ja erfolgreich mit anderen Menschen sprechen. Wenn das Gegenüber auch mehrsprachig ist und beide die Sprachen verstehen, kann es durchaus zweckmäßig sein, die Sprachen zu wechseln. Es ist kein Zeichen dafür, dass das Kind die Sprachen nicht beherrscht. Manchmal kann man auch Wörter oder Ausdrücke nicht angemessen in einer anderen Sprache übersetzten oder dieses Code-Switching dient als verbindendes Element zwischen zwei Sprechern oder Sprecherinnen oder manchmal geht es einfach schneller ein Wort in einer anderen Sprache zu sagen, weil man es gerade aktiv im Kopf hat. Das heißt, man sieht, Code-Switching erfüllt auch Funktionen und verläuft immer regelmäßig. Also es wird nicht einfach die Sprache abgewandelt oder irgendwie falsch eingesetzt, sondern es wird tatsächlich nach bestimmten Regeln vorgegangen. Ein Zeichen mangelnden Wortschatzes wäre zum Beispiel, wenn das Kind die Sprache weiterhin wechselt, auch wenn der Kommunikationspartner nur eine Sprache versteht. Zum Beispiel, wenn ein Kind mit seiner Oma spricht, die Oma spricht nur Ungarisch, und das Enkelkind kann gewisse Wörter nicht auf Ungarisch sagen, sagt sie auf Deutsch. Das passiert nicht absichtlich und das […] deutet darauf hin, dass eventuell der Wortschatz noch nicht ausreichend erworben wurde und da kann man dann auch ansetzen – als Elternteil.
Laure Mortelier: Vielen Dank, Miriam, für alle diese Informationen. Ich wünsche dir noch einen schönen Tag und freue mich auf das nächste Treffen. Ich sage Tschüss.
Miriam Pieber: Tschüss.

Zitierte Quellen:

  • Costa, Albert (2017): El cerebro bilingüe / The Bilingual Brain: La neurociencia del lenguaje (Ciencia y Tecnología). Barcelona: Debate.

Eine englische Übersetzung erscheint Jänner 2020:
  • Costa, Albert (2020): The Bilingual Brain: And What It Tells Us about the Science of Language. Allen Lane Verlag.

  • De Cillia, Rudolf (2003): Spracherwerb in der Migration. 6. unveränderte Auflage. Wien: Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur
    http://www.schop79.at/images/pdf/spracherwerb_dr_de_cillia.pdf

Mehrsprachigkeit Nr. 2 -Transkript
Formen der Mehrsprachigkeit
Laure Mortelier: Willkommen bei der neuen Folge zum Thema Mehrsprachigkeit von Motiviert Lernen und Leben. Meine Frage heute an dich, Miriam, lautet: Welche Formen von mehrsprachigen Familien gibt es?
Miriam Pieber: Also, ihr könnt euch sicher an die letzte Folge erinnern, bei der wir über Mehrsprachigkeit gesprochen haben und auch darüber, dass mehrsprachige Personen im Normalfall nicht über ausbalancierte Kompetenzen in all ihren Sprachen verfügen.
Laure Mortelier: Ja, genau.
Miriam Pieber: Heute geht es nun darum, welche Faktoren einen Einfluss auf den Sprach- bzw. den Sprach(en)erwerb haben. Und Riehl listet dabei drei Faktoren auf: Der erste Faktor sind die Erstsprachen der Elternteile. Dabei kann es passieren, dass jeweils ein Elternteil eine andere Sprache spricht. Der zweite Punkt ist die Sprachwahl mit dem Kind und das betrifft zwei Aspekte: Der erste Aspekt hat damit zu tun, dass der jeweilige Elternteil möglicherweise eine unterschiedliche Sprache mit dem Kind spricht. Der zweite Aspekt ist, dass vielleicht ein Elternteil zwei unterschiedliche Sprachen mit zwei verschiedenen Kindern spricht - innerhalb der selben Familie. Und der dritte Aspekt, den Riehl noch erwähnt, ist die Sprache der Umgebung. So ist es natürlich ein Unterschied, wenn ein Kind in einer mehrsprachigen Umgebung aufwächst oder in einer monolingualen Umgebung, in der vielleicht Mehrsprachigkeit nicht so positiv konnotiert ist oder weniger mit Prestige verbunden ist. Und aus diesen drei Faktoren ergeben sich nun unterschiedliche Settings, in denen mehrsprachige Situationen entstehen. Auch ganz interessant in Bezug auf Mehrsprachigkeit sind drei Gegensatzpaare, die mit dem Spracherwerb zu tun haben. Das erste Paar hat mit dem natürlichen oder gesteuerten Erwerb zu tun. Natürlich heißt, dass ein Kind eine Sprache oder auch mehrere Sprachen ohne den Besuch eines Unterrichts erwirbt. Gesteuert bedeutet hingegen, dass eine Sprache durch den Besuch eines Unterrichts gelernt wird. Das kann sowohl im Erstsprachenunterricht als auch im Zweitsprachen- oder im Fremdsprachenunterricht geschehen. Das zweite Gegensatzpaar ist symmetrisch und asymmetrisch. Unter asymmetrisch versteht man, dass eine der gesprochenen Sprachen über die anderen dominiert und symmetrisch bedeutet, dass eine Person zwei oder mehrere Sprachen auf ca. dem gleichen Niveau spricht oder auch schreibt. Das dritte Gegensatzpaar von Müller bezieht sich auf den Beginn des Spracherwerbs und so unterscheidet man zwischen dem simultanen Spracherwerb und dem sukzessiven Spracherwerb. Der simultane Spracherwerb hat damit zu tun, dass eine Person von Geburt an zwei Sprachen gleichzeitig erwirbt. Man spricht in diesem Zusammenhang auch oft vom bilingualen Erstspracherwerb. Der andere Begriff, der sukzessive Spracherwerb, hat damit zu tun, dass eine Person mit einer Sprache aufgewachsen ist und erst im Laufe ihres Lebens eine zweite Sprache dazu lernt. Da kann man dann noch weiter differenzieren: Es gibt dann noch den frühen Zweitspracherwerb, wenn noch im Kindesalter eine weitere Sprache dazu gelernt wird und auf der anderen Seite dann den späten Zweitspracherwerb. Vom Zweitspracherwerb spricht man dann, wenn eine Person aus einem anderen Land kommt und im Aufnahmeland dann die Umgebungssprache lernt. Mir ist es noch besonders wichtig zu betonen, dass mehrsprachige Personen ihren persönlichen, sozialen und gesellschaftlichen Bedürfnissen gerecht werden und das egal, welches Niveau sie […] in ihren jeweiligen Sprachen [haben].
Laure Mortelier: Was meinst du damit genau?
Miriam Pieber: Damit meine ich zum Beispiel die souveräne Kommunikation mit Familienangehörigen, zum Beispiel mit den Großeltern, die möglicherweise nicht im selben Land leben oder die auch im selben Land leben, aber in einer anderen Sprache, die nicht die Umgebungssprache ist, [sprechen]. Und das den Kindern die Möglichkeit geboten wird, auch mit diesen Familienangehörigen zu kommunizieren. Oder auch eine Einkaufssituation, die zu bewältigen ist, und wo man eine andere Sprache braucht. Oder auch das Lesen von fremdsprachigen Büchern oder auch dem Folgen einer Serie. Also, es gibt sehr […] viele verschiedene Situationen, die aber nicht immer eine – ich sage jetzt mal – „native-like“ Kompetenz erfordern. Das meine ich. Das heißt, dass in verschiedenen Fertigkeiten nicht das gleiche Niveau vorliegen muss, um der Lebenssituation gerecht zu werden.
Laure Mortelier: Du meinst also, dass die Ansprüche sehr hoch sind?
Miriam Pieber: Inwiefern?
Laure Mortelier: Ich meine, für diese Personen, die mehrsprachig sind, erwartet man eigentlich perfektes Niveau in allen Sprachen? Ist es das, was du meinst? Und man sollte Rücksicht nehmen, dass es nicht der Fall ist?
Miriam Pieber: Genau das ist eben dieser Mythos, der vorherrscht, dass Personen die Summe mehrerer Sprachen darstellen. Aber das ist ja nicht so. Es geht ja eigentlich um die Situation, in der verschiedene Sprachen verwendet werden. Und dazu braucht es nicht immer eine perfekte Aussprache oder eine gewisse Fachsprache. Und das ist natürlich zu berücksichtigen.
Laure Mortelier: Vielen Dank für diese Informationen. Ich komme sicher darauf zurück. Ich sage bis bald. Danke fürs Zuhören. Und sage ich noch einmal Tschüss.
Miriam Pieber: Tschüss.
Zitierte Quellen:

Müller, Natascha; Tanja Kupisch; Katrin Schmitz und Katja Castone (Hrsg.)(2011): Einführung in die Mehrsprachigkeitsforschung. Dritte Auflage. Tübingen: Narr (= Reihe Narr Studienbücher).

Riehl, Claudia (2014): Sprachkontaktforschung. Eine Einführung. Dritte Auflage. Tübingen: Narr (= Reihe Narr Studienbücher).

Mehrsprachigkeit Nr. 1 -Transkript
Was ist Mehrsprachigkeit?

Laure Mortelier: Willkommen beim Podcast von Motiviert Lernen und Leben – heute zum Thema Mehrsprachigkeit. Ich begrüße einen besonderen Gast bei mir: Miriam Pieber. Du hast deine Diplomarbeit zu diesem Thema geschrieben.
Miriam Pieber: Genau zuerst einmal danke für die Einladung. Ich habe Französisch und Spanisch auf Lehramt studiert und meine Diplomarbeit über die bilinguale Lese- und Schreibsozialisation französischer Herkunftssprecher und -sprecherinnen geschrieben.
Laure Mortelier: Viele Eltern stellen sich Fragen zu diesem Thema. Aus diesem Grund habe ich einen Fragenkatalog vorbereitet und die Idee ist, dass wir gemeinsam einzelne Fragen im Laufe der nächsten Podcasts beantworten. Und ich bedanke mich, dass du dich für diese Aufgabe bereitgestellt hast. Meine erste Frage: Wann spricht man von Mehrsprachigkeit?
Miriam Pieber: Also, Gippert liefert dazu eine sehr schöne Definition: Er spricht von einem Zustand einzelner Personen oder einer sozialen Gemeinschaft, die sich bei der täglichen Kommunikation zweier oder mehrerer unterschiedlichen Sprachen bedienen. Spricht eine Person zwei Sprachen täglich, spricht man von Bilingualismus. Spricht sie hingegen mehrere Sprachen täglich, spricht man eher vom Multilinguismus. Es ist in den letzten Jahrzehnten so gewesen, dass man davon ausgegangen ist, dass Menschen monolingual, das heißt einsprachig, aufwachsen. Grosjean hat das heftig kritisiert, da wenn man sich in der Welt ein bisschen umschaut und sich die Spracherwerbssituationen ansieht, bemerkt man, dass sehr viele Personen mehrsprachig aufwachsen und das es sich daher nicht um eine Ausnahme, sondern eher um die Regel handelt. Er kritisiert auch, dass man einen monolingualen Blick auf Mehrsprachige wirft, das heißt zum Beispiel, dass man sie als die Summe zweier Sprachen sieht. Das ist tatsächlich aber nicht so, da in der wenigsten Fällen eine ausbalancierte Kompetenz zwischen zwei Sprachen vorherrscht. Das entspricht einfach nicht der Realität, da sich die Sprachverwendung und die Sprachflüssigkeit je nach Kontext, je nach Bedarf und je nach Funktion unterscheiden.
Laure Mortelier: Vielen Dank für diese Informationen. Danke fürs Zuhören. Bis zum nächsten Mal. Tschüss.
Miriam Pieber: Tschüss.
Zitierte Quellen:

  • Gippert, Jost (2016): Bilingualismus. In: Glück, Helmut und Michael Rödel (Hrsg.): Metzler Lexikon. Sprache. Fünfte Auflage. Stuttgart: Metzler. S. 104-105.

  • Grosjean, François (2008): Studying bilinguals. Oxford: Oxford University Press.

  • Grosjean, François (2010): Bilingual – Life and Reality. Cambridge: Harvard University Press.

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